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Alle Zungen sollen bekennen
Alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zu Ehren Gottes, des Vaters. Wie in Stein gemeißelt steht er da, der so genannte Monatsspruch,
der in diesem Jahr die christlichen Kirchen durch den Mai begleitet. Manche rührt das heutzutage ein bisschen peinlich an: die Unbescheidenheit, mit der hier alle Zungen, also die gesamte Menschheit, sich zu Jesus Christus bekennen soll - als ob es nicht genug Religionen gäbe, die mit gleichem und manchmal mehr Ernst als die Christenheit einen Glauben leben und praktizieren, der ohne Jesus auskommt.
Der Apostel Paulus, der diesen Kernspruch in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi geprägt hat, war von solchen Überlegungen ebenso wenig geplagt wie die Christen späterer Zeiten. Im 18. Jahrhundert hat Philipp Friedrich Hiller die Mai-Losung in die Verse eines bis heute beliebten Kirchenliedes gegossen:
Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Alle Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.
Nun ist es ja kein exklusiv christlicher Anspruch, dass es dem Glauben um die Ehre Gottes geht, sondern das werden auch Juden, Muslime und die Bekennerinnen und Bekenner vieler anderer Religionen unterschreiben. Gewiss, die Christen unterscheiden sich dadurch, dass sie von Gott nicht anders als nur durch Jesus wissen. Aber den Wunsch und den Willen, Gott die Ehre zu geben, teilen sie durchaus mit anderen, die ihren Weg zu Gott auf anderem Wege gefunden haben.
Wichtig ist: Wer Gott die Ehre gibt, kann sie nicht zugleich sich selbst geben. Gott die Ehre zu geben, heißt immer sofort: mich selbst in meiner Begrenztheit zu sehen, meine Unvollkommenheiten nicht zu beschönigen, meine Möglichkeiten nicht zu überschätzen und meine Machtphantasien kritisch zu hinterfragen. Deshalb geht es in der zweiten Strophe des erwähnten Kirchenliedes denn auch weiter:
Fürstentümer und Gewalten, Mächte, die die Thronwacht halten, geben ihm die Herrlichkeit. Alle Herrschaft dort im Himmel, hier im irdischen Getümmel ist zu seinem Dienst bereit.
Glaube an Gott ist eben nicht der Handlanger der Fürstentümer und Gewalten, sondern weist sie in ihre Schranken. Wer mit Gott rechnet, verlässt sich nicht auf die politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Macht, sondern steht ihr kritisch gegenüber. Das ist ein Anspruch, der einem manchmal viel Mut abverlangt, der aber auch frei machen kann von Ängsten, Zwängen und Beschränkungen. Wer sich auf Gott verlässt, gewinnt ein Stück Freiheit und Gelassenheit gegenüber der Welt deshalb kann auch ich sagen: Alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zu Ehren Gottes, des Vaters - ohne verlegen werden zu müssen wegen des scheinbar exklusiven Anspruchs. Denn der Spruch will genau aufs Gegenteil hinaus. An ein kritisches Verhältnis gegenüber weltlichen Gewalten daran sollen wir erinnert werden. Und deshalb finde ich es sogar gut, dass dieser Spruch so unbescheiden und radikal daherkommt.
Alle Zungen sollen bekennen
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