Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.05.07, 6.56 Uhr, Pfarrer Jens Burgschweiger

Atemräume der Seele

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer! Sind Sie auch ein Kirchenfreund? Wenn ich auf Reisen bin und eine Kirche sehe, gehe ich meistens hinein.

Vorausgesetzt, sie ist offen. Ich wandle umher, schaue mich um, setze mich still in eine Bank, lasse das Altarbild oder die Deckenmalerei auf mich wirken, bis ich irgendwann bei mir ankomme und das, was mich bewegt, vor Gott bringe. Wenn es die Gelegenheit gibt, zünde ich auch eine Kerze an und denke dabei an einen Menschen, der mir am Herzen liegt. „Kirchen sind Atemräume der Seele“ hat einmal jemand gesagt. Und das empfinde ich genauso.

Zuweilen liegt ein Buch aus, in das man seine Gebete hineinschreiben kann. „Ich bin mit Sorgen gekommen und in Frieden gegangen“, lautet da ein Eintrag. Ein anderer schreibt: „Bin zur Zeit auf Kur hier und habe mir gedacht, in eine schöne Kirche zu gehen, kann ja nicht schaden. Bin absolut begeistert von der Schönheit hier und hoffe, dass mein Leben auch wieder einmal so schön wird.“ „Kirchen sind Atemräume der Seele“ - Möglichkeit innezuhalten, durchzuatmen, in Berührung zu kommen mit meinen inneren Kraftquellen. Der Kirchenraum entbindet, was sonst kaum herausgelassen werden kann. Ängste, Sehnsüchte, aber auch tiefe Dankbarkeit: „Heute haben wir die Nachricht bekommen: Unsere Jenny wird wieder gesund. Danke den Ärzten! Und danke Gott – dass du uns unser Kind zurückgeschenkt hast.“

Da macht sich ein Mensch noch am gleichen Tag auf, schreibt seinen Dank, seine Freude, seine Erleichterung aufs Papier und ins Herz des lieben Gottes, dieses Beschützers, Behüters und Bewahrers. Aber auch dort, wo Gott sein anderes Antlitz zeigt – das Unbegreifliche sich ereignet und unser Leben verfinstert, wird zu ihm gefleht, werden die Tränen und das Leid vor ihm ausgeschüttet: „Daddy, du fehlst mir so. Ich wünsche mir immer, du wärst noch hier. Wir vermissen dich so. Dein Grabstein ist jetzt endlich da. Er sieht toll aus – kannst du ihn vom Himmel aus sehen? Ich hab dich lieb.“ Manchmal sind es auch nur Aufschreie: „Lieber Gott, hilf!“ Oder einfach nur: „Lieber Gott!“ Stumme Gebete, hinter denen sich ein ganzer Sturzbach an Worten und Gedanken ergießt. 

Kirchen als Atemräume der Seele. Auch Liebeserklärungen finden hier Raum: „Mama, ich liebe dich.“ Oder: „Hier in aller Öffentlichkeit: „Andrea, ich liebe dich.“  Aber auch: „Ich liebe meinen Gott sehr.“ Wo sonst hat ein Mensch die Möglichkeit, das auszusprechen? Manchmal kommen mir, wenn ich in einer Kirche bin, die alten Worte über die Lippen, mit denen ein Beter in der Bibel ausdrückt, was Gott für ihn bedeutet. Die Worte des 23. Psalms:    

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele...“.

Vielleicht sagen diese Worten am treffendsten, was Menschen in Kirchen erfahren: Einen Ort des Vertrauens, der Ruhe und Einkehr – einen Raum, der mich an die Quelle meiner Seele führt.   

Audiobeitrag Atemräume der Seele


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