Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.05.07, 7.50 Uhr, Pfarrer Jens Burgschweiger

Kinder

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer! „Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen.“ Keine Frage. Wer mit Eltern von heranwachsenden Kindern spricht,

erfährt es aus erster Hand: Der Volksmund hat recht.  Probleme mit jugendlichen Kindern füllen die Ratgeberseiten unzähliger Zeitungen und Zeitschriften. Vieles davon ist durchaus hilfreich. Aber auch wenn manches Problem mit den eigenen Kindern durch einen guten Rat oder sogar fachliche erzieherische Beratung gelöst werden kann – die Sorge bleibt, wenn sich Kinder nicht so entwickeln, wie es den Eltern eigentlich vorschwebt. „Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen.“ Die Bibel erzählt von einem Vater, der hatte zwei Söhne. Der eine, der älteste - angepasst, wohlgeraten - tritt wie selbstverständlich in die Fußstapfen des Vaters. Ein Vorzeigekind. Der andere, der jüngere, dagegen eigenwillig, aufsässig - lässt sich vom Vater sein Erbe ausbezahlen; haut ab von zuhause. Von dem, was der Vater - und auch die Mutter - fühlt und denkt, wie sie sich Sorgen machen um ihren Sohn, davon steht in der Geschichte nichts. Aber das kann man sich ja denken.

Was mir aber imponiert: Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Ohne Diskussion. Lässt ihn seinen eigenen Weg gehen. Das zeugt von großem Vertrauen. Und vielleicht ist das überhaupt das Wichtigste, was wir unseren Kindern geben können. Das Zutrauen, dass sie ihren Weg schon finden werden. Selbst dann, wenn sich der Sohn oder die Tochter auf einem unguten Weg befindet, wenn wir uns berechtigte Sorgen um sie machen. Gerade jener Mensch, der abgekommen ist von seinem Weg – braucht er nicht das Vertrauen, dass er zurückfinden wird? Was hat uns geholfen in den Stunden des Misserfolgs und des Pechs, in den Tagen der Enttäuschung, in Zeiten beruflicher oder familiärer Schwierigkeiten? War es nicht die Hand, die sich um unsere Schulter gelegt hat, die Stimme eines Freundes: „Du, das wird schon wieder, glaub mir.“ War es nicht das Vertrauen dieser Gesten, das Vertrauen im Klang der Worte, das uns gut tat?

Wie können wir unseren Kindern zur Seite stehen? Es liegt nahe, ihnen tagtäglich gut gemeinte Ratschläge mitzugeben. Aber Söhne, Töchter sind nicht die selbstverständlichen Fortsetzer ihrer Eltern. Goethes Sohn hat kein einziges Gedicht geschrieben. Unsere Kinder sind nicht unsere Kinder. Sie sind eigene kleine große Persönlichkeiten. Der jugendliche Draufgänger in der Geschichte scheitert. Bringt das Erbe des Vaters durch. Gerät unter die Räder. Fällt richtig tief. Als er nicht mehr ein noch aus weiß, erinnert er sich aber an seinen Vater.  Bangen Herzens kehrt er nach Hause zurück. Und wieder erstaunt mich der Vater: Er macht seinem Sohn keine Vorhaltungen und keine Vorwürfe. Sagt nicht: „Siehste, ich hab's ja gleich gewusst! Jetzt kannst du sehen, wo du bleibst.“ - Der Vater geht seinem Sohn entgegen. Schließt ihn einfach in die Arme. Wer angesichts soviel Güte und Großmut jetzt an seinen elterlichen Qualitäten zweifelt, dem sei gesagt, dass diese Geschichte nicht eigentlich von einem irdischen Vater handelt, sondern von Gott. Aber vielleicht ist das ja der tiefste Grund väterlichen und mütterlichen Vertrauens: Das eigene Kind – was immer auch geschieht - in Gottes Hand zu wissen.

Audiobeitrag Kinder


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