Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.04.07, 10.00 Uhr, Präses Alfred Buß

Licht ist das Kleid des Ostermorgens

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Wir zelten am See. Mit dem ersten Morgengrauen stehe ich auf. Alles ist still.

Ich setze mich ins Boot und paddele hinaus. Dunst liegt auf dem Wasser. Langsam steigt hinter den Bergen die Sonne auf. Die Vögel erwachen und singen zum Lob des Schöpfers. Auf dem Wasser liegt ein unbeschreiblich schönes Licht. Ich lausche dem Gesang der Vögel; kleine Wellen schlagen an die Bootshaut, ein leichter Wind kräuselt das Wasser.

Licht ist das Kleid, das du anhast, singt der Psalm 104. Gott selber können wir nicht fassen; aber Licht ist sein Kleid, Gottes prächtiges, strahlendes Gewand. Es werde Licht ist sein erstes Schöpfungswort; vor seinem Licht weicht die Finsternis, weitet sich der Horizont zum Lebensraum seiner Geschöpfe. Leben beginnt. Licht ist sein Kleid: im Orionnebel und beim Sonnenaufgang am Matterhorn oder wo immer. Gottes Licht ist die Quelle des Lebens, darum hat er die Sonne vor sein Haus gestellt. Licht erschafft das Grün der Pflanzen und wirft dem Künstler den Glanz auf die Farben. Licht weckt unsere Lebensgeister, wenn die Tage nun wieder länger werden. Nichts ist schneller als das Licht. Mit Lichtgeschwindigkeit kommunizieren wird rund um den Erdball über die Kontinente.

Und Gott sah, dass das Licht gut war. - Da, schau mal, rufen Kinder, wenn sie etwas Aufregendes entdeckt haben: Ameisen, die wie eine kleine Karawane über den Waldboden ziehen, eine Spinne auf der Lauer, während ihr kunstvolles Netz im Morgentau glitzert, den Zug der Kraniche nach Norden am klaren Frühlingshimmel. Da, schau mal – dieser Ruf duldet keinen Aufschub, kein zu Ende telefonieren, kein noch eben die Hände abtrocknen: Kinder sind zum Bersten voll vom Schauen und Staunen und Mitteilen, dann darf nichts anderes Vorrang haben.

So kann es auch uns Erwachsenen gehen, wenn wir uns auf das Staunen einlassen: Da schau mal! Nach Jahren in den Weltmeeren kehren Lachse zum Ablaichen zielgenau in das Süßwasser ihrer Jugendzeit zurück; auch hier in der Weser sollen sie wieder heimisch werden. Da, schau mal! Es summt im Bienenstock - ob im Sommer oder Winter immer bei 37°. Konstant ist die Lichtgeschwindigkeit seit Milliarden Jahren; in verlässlicher Richtung strömen die Elektronen durch das Silicium der Mikrochips. Die Nachtigall singt immer noch ihr Jahrtausende altes Lied. Wunderbare Welt. Und auch hier und jetzt schwingen die Flötentöne im Holz der Orgel, die Moleküle im Metall der Trompeten und Posaunen, die Stimmbänder in unseren Kehlen. Lausch mal! Schau mal! Im Staunen verstummt der Zweifel - wenigstens für einen Augenblick.

Der Zweifel hat ja Gründe, mehr als genug. Zweifellos: Unsere Erde hat Fieber. Die Klimaerwärmung ist menschengemacht. Die Gletscher schmelzen ab, Kraterlandschaften tun sich auf, lebensfeindlich - wie von fernen Planeten. Solche Bilder schrecken auf: das Wunder der Schöpfung ist in großer Gefahr. Ruhelos tun wir Menschen ihr Gewalt an; vergessen dabei, dass wir Gäste sind auf dieser Erde. Von Gott mit allen Kreaturen ins Dasein gerufen, verfehlt der Mensch seinen Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Wir haben die Erde gekränkt, sie nimmt ihre Wunder zurück, wir - der Wunder eines (Reiner Kunze).

Vor Gottes Anfang war die Erde wüst und leer - hebräisch Tohuwabohu – ein unbewohnbarer Planet; und es war finster auf der Tiefe. Solche lebensfeindliche Finsternis lauert weiter in der Schöpfung. Nicht alles Unheil ist auf den Menschen zurückzuführen. Unsere alten Abendlieder singen davon: Vor Schrecken, Angst und Feuersnot behüte uns, o lieber Gott (EG 467,4).  Auch die Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel blendet diese dunklen Seiten nicht aus, sie nennt die Abgründe beim Namen; doch deren Herkunft lässt sie im Dunkeln.

Es ist wahr: Schöpfung und Leben sind voller Rätsel. So viel Anfang war nie, titelte vor einem Monat das Wochenblatt DIE ZEIT und schrieb: Noch vor fünf Jahrhunderten war die Menschheit fest davon überzeugt, in der Mitte des Universums zu leben. Dann kam Nikolaus Kopernikus: Er verstieß den Planeten Erde auf eine Kreisbahn um die Sonne. Die Verbannung aus dem Zentrum des Weltalls traf das Selbstbewusstsein der Menschheit zutiefst.

Heute läuten die Nachfolger des berühmten Astronomen die nächste Wende ein und erschüttern das bestehende Weltbild noch radikaler. Sie verbannen die Erde an die äußerste Peripherie eines Universums, das wiederum nur eines von unzähligen Universen ist, die wie Seifenblasen ständig neu entstehen und wieder zerplatzen. Im Blick auf das Ganze wird der Mensch mehr und mehr zur Randerscheinung.

Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? fragte der Universalgelehrte Leibnitz vor 300 Jahren. Es könnte doch auch anders sein. Wir spüren heute aufs Neue: alles Leben ist immer dem Tod, dem Nichts abgerungen; ist gefährdetes, bewahrtes Leben - und darum einmalig und kostbar.

Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts? Solche Frage des gefährdeten, bedrohten, verwundbaren Menschen nach Sinn steht auch hinter der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel - und nicht zuerst das wissenschaftliche Interesse an der Entstehung von Welt und Mensch. Nicht der an seiner Herkunft interessierte, sondern der in seiner Welt bedrohte Mensch nimmt wahr: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.

Gefährdetes, bedrohtes Leben. So auch im Jahr 587 vor Christi Geburt. Trümmer lagen vor den Füßen. Jerusalem war in Schutt und Asche gelegt von babylonischen Truppen. Die Bewohner der Stadt konnten sich in der Folge nur mühsam wieder aus dem Staube erheben. Da schrieben einige gegen die erfahrene Wirklichkeit nieder, was ihr tiefster Glaube war: diese Welt ist nicht des Teufels. Gott hat sie geschaffen. Auch der Mensch ist Gottes Geschöpf: Geschaffen als Gottes Gegenüber, ohne Wenn und Aber gewollt und bejaht, trotz allem Gottes Ebenbild. Diese Würde, von Gott gegeben, kann kein Mensch jemals verlieren, sie ist unantastbar.

Mit der Schöpfungsgeschichte klingt unter allen Geräuschen des Lebens die Musik des Schöpfers hervor; mitten im Lärm die unverwechselbare Melodie Gottes: Lausch mal. Schau mal die Welt und dein Leben mit Gottes Augen an. Jubilate! Eine Geschichte voller Jubel über den Schöpfer und seine Schöpfung. So singt auch Paul-Gerhardt mitten in den Schrecken seiner Zeit und seines Lebens: Du, meine Seele singe, wohlauf und singe schön, dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

Die Welt ist nicht des Teufels. Gott hat sie geschaffen. Der in seiner Welt bedrohte Mensch vernimmt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Es ist nicht der Mensch, der das Herz dieser Welt schlagen lässt und ihr den Takt gibt. Gott erschafft Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Gras und Kraut, Tiere und Menschen, Frau und Mann. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.

Gott vollendete am siebenten Tag seine Werke, die er machte. Was fehlte seiner Schöpfung noch? Wie vollendet Gott seine Schöpfung? Er vollendet sie durch sein Ruhen. Nicht der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sondern Gottes Ruhe. Die Vollendung des Schaffens ist die Ruhe - die Vollendung des Tuns ist das Dasein. Ganz dasein. Zeit haben. Nicht mehr arbeiten und sorgen und eingespannt sein. Ruhe kann sich ausbreiten. Da, schau mal! Lausch mal! Die Vögel erwachen und singen dem Schöpfer ihr Lied. Nicht nur Gott, die ganze Schöpfung atmet auf; die Menschen, die Tiere, auch Ochs und Esel dürfen sich recken und strecken, sich freuen an der Schöpfung. Jetzt ist Sabbat. Sabbat heißt Aufhören, Seinlassen. Aufhören mit Raffen, Schaffen, Geschäfte machen. Sabbat ist heilsame Unterbrechung, ist Ruhe geben, auch der Schöpfung Ruhe geben. Gemeinsam Zeit haben. Füreinander da sein. Sich an der Vielfalt der Farben, Arten und Töne der Schöpfung freuen. Jetzt ist Sabbat.

Die Kinder aus dem 4. Schuljahr der Hohenstaufenschule Minden haben es gesagt: wenigstens einen Tag in der Woche gemeinsam ruhen, mit der Familie etwas unternehmen, spielen, schwimmen, Freunde und Großeltern besuchen. Ganz da sein. Wenn ein Kind ruft: Da, schau mal, dann duldet das keinen Aufschub, dann darf nichts anderes Vorrang haben, dann darf Mutti am Sonntag auch nicht gerade an der Kasse sitzen.

In Nordrhein-Westfalen können wir rund um die Uhr einkaufen, montags bis samstags von 0 – 24 Uhr. Aber das reicht noch nicht. Langsam, aber stetig wird der Sonntag ausgehöhlt. Heute ist verkaufsoffener Sonntag hier, nächste Woche in der Stadt nebenan; heute in diesem Stadtteil, nächste Woche in jenem. Auf diese Weise gibt es in einer Großstadt wie Köln 28 verkaufsoffene Sonntage im Jahr. Das Ziel ist klar: alle Städte und Stadtteile wollen Käufer an sich binden. Doch wenn sich alle auf die Zehenspitzen stellen, sieht am Ende keiner mehr. Nur der Sonntag, der geht dabei verloren.

Ohne Sonntag aber gibt es nur noch Werktage. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. Der Tag der Ruhe wird durch Gottes Segen geheiligt, unantastbar hervorgehoben aus allen anderen Tagen. Es ist der Tag des Herrn. Im Judentum wurde der Sabbat als Schatz gepflegt durch die Jahrtausende zum Segen für alle Menschen.

Ganz dasein. Zeit haben. Aufatmen. Sein lassen. Ruhe geben. Füreinander da sein: Da schau mal. Lausch mal. Der Sabbat weist über sich selber hinaus: Wenn Gott die Schöpfung vollenden wird, dann wird das ein ewiger Sabbat sein. Der Tag des Herrn ist der Vorschein von Gottes kommender Welt, Tag der Freiheit und der Freude, Tag des aufrechten Ganges und der Würde. Gott wird bei seinen Geschöpfen wohnen und Leid, Geschrei, Schmerz und Tod werden ein Ende haben. Die dunklen Rätsel lösen sich auf. Dann wird die Nacht leuchten wie der Tag und Finsternis wird sein wie das Licht.

Ostern feiern wir Christen den Anbruch dieser neuen Welt. Licht ist das Kleid des Ostermorgens; Licht vom unvergänglichen Licht - Auferstehung Christi von den Toten. Ostern ist der Tag aller Tage. Er macht unser Leben hell. Wir Christen feiern den Sonntag: an jedem Sonntag aufs Neue die Auferstehung unseres Herrn. Das österliche Licht öffnet uns alle Sinne, so dass wir schon im Dunkeln anfangen, Gott zu loben und so dem Sehen entgegengehen: Da, schau mal.

Dem Sehen entgegengehen –  das will auch ein Osterbrauch im Hügelland des italienischen Piemont. Die Menschen laufen beim ersten Osterläuten zum Brunnen in der Mitte des Dorfes. Dort waschen sie sich die Augen aus.

Die Ich-will-dich-haben-Augen,
die Machen-wir-ein-Geschäft-Augen,
die Es-hat-ja-doch-alles-keinen-Zweck-Augen,
die Geh-mir-aus-den-Augen-Augen.
Sie wollen Osteraugen bekommen.
Darum waschen sie die kalten, die gierigen, die resignierten, die listigen,
die mißtrauischen Blicke fort. Und spülen die Schleier der Angst weg.

Und das kühle Wasser, so sagt man, schwemmt heraus den Dreck eines langen Jahres. Sie heben den Kopf und schauen sich mit neuen und guten Augen an. Ganz dasein. Zeit haben. Aufatmen. Sein lassen. Ruhe geben. Füreinander da sein: Da schau mal. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

- Es gilt das gesprochene Wort -

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 28.05.2007 um 10 Uhr bis 11 Uhr vom  WDR 5, aus der Ev.-Ref. Erlöserkirche aus Detmold übertragen. Die Predigt hält Pfarrer Christoph Pompe.

 


 


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