Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.04.07, 10.00 Uhr, Superintendent Eckart Wüster

O Haupt, voll Blut und Wunden

Es gibt wohl kaum einen Choral, der die Stimmung des Karfreitags so nachhaltig geprägt hat, wie dieser von Paul Gerhardt.

„O Haupt, voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn… Und: Nun, was du Herr erduldet, ist alles meine Last.“ Für viele Christinnen und Christen zielen diese Worte ins Zentrum ihrer Karfreitagsfrömmigkeit. Wehe, ein Pfarrer, eine Pfarrerin lässt dieses Lied am Karfreitag nicht singen! Die Worte und die Musik gehen unter die Haut. Kaum einer bleibt davon unberührt. Und selbst dann, wenn diese Frömmigkeit überhaupt nicht zum eigenen Glauben passt und einem der Karfreitag fremd bleibt – selbst dann lässt einen das Lied nicht kalt.

In drei Strophen beschreibt Paul Gerhardt, wie brutal und grausam es war, am Kreuz zu hängen. Im Jahre 1656 hat Paul Gerhardt das Lied geschrieben. Der 30jährige Krieg war noch nicht lange vorbei, das Land lag verwüstet da, der Verlust vieler Menschen war noch in schmerzhafter Erinnerung. Der Hunger zehrte an den Menschen. Die Pest wütete. Paul Gerhardt selbst hatte eigene Kinder zu Grabe tragen müssen. Für viele Menschen war das Leben ein purer Überlebenskampf. 

Aber darüber klagt Paul Gerhardt in seinem Lied nicht. Alles scheint er in diesem „O Haupt voll Blut und Wunden“ auf Jesus übertragen zu haben. Er malt den Menschen nicht das eigene furchtbare Schicksal vor Augen; dafür hätte er Stoff genug vorgefunden. Er beschreibt in drastischer Weise den leidenden Jesus am Kreuz. So, als wollte er sagen: „Da, seht hin! Seht auf ihn! Euer „liebster Freund“ (V.8) hat ebenso gelitten wir ihr!“

Paul Gerhardt war aus seiner Schulzeit die lateinische Vorlage bekannt. In sieben Gedichten werden darin die verwundeten Glieder Jesu betrachtet und verehrt; die Füße, Knie, Hände, Seite, Brust, Herz und das Angesicht Jesu. Darauf greift er nun zurück und lässt uns damit auf das Kreuz sehen.

Er lässt uns aber nicht nur zusehen, sondern er macht sich und damit wohl alle Betrachter verantwortlich für das, was Jesus erleiden musste. Die Ursache für das Leiden Jesu liegt bei mir, dem Betrachter dieses Bildes: „Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.“ Jesus für uns gestorben. Jesus für unsere Sünden gestorben. So formulieren viele ihr Glaubensbekenntnis bis auf den heutigen Tag.

Paul Gerhardt zeichnet aber nicht nur ein Bild des Leidens. Nur drei von den zehn Strophen verwendet er darauf, die Brutalität des Kreuzestodes zu beschreiben. Er sieht im Kreuz etwas sehr Tröstliches. Sein Lied ist  eine Liebeserklärung an den leidenden Jesus. „Ich will hier bei dir stehen…Ich will mein Leben von mir geben…Ach gib, dass ich mich halte zu dir und deiner Treu.“

Die so eingängige Melodie war ursprünglich ein Liebeslied aus dem 16. Jahrhundert. Darin besingt ein Sänger seinen Liebeskummer. „Mein Gmüth ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart, Liebe und Leiden – beides sind Grenzerfahrungen unseres Lebens. Beides kann das Gemüt verwirren. Nicht selten hängen Liebe und Leiden eng zusammen. Vielleicht lag es ja doch nicht nur an der eingängigen Melodie des alten Liebesliedes, dass Paul Gerhardt darauf zurückgegriffen hat. Sein Liebeslied zielt auf Jesus, seinen liebsten Freund (V.8). Der  „Quelle aller Güter“ (V.5), die ihm viel Gutes getan hat.

Hören wir nun die Vorlage dieses Liebesliedes,  das Hans Leo Haßler geschrieben hat „Mein Gmüth ist ganz verwirret“.

O Haupt voll Blut und Wunden – das Leiden Jesu als Ausdruck seiner Liebe? Wie kann das sein?  So ungewöhnlich ist das aber doch nicht, dass ein Mensch leidet, mitleidet, weil er liebt. Wie oft sind wir eingebunden und verflochten in das Leiden eines Menschen, den wir lieben. Und leiden zugleich mit. Wenn ich mein krankes Kind pflege. Wenn ich sehe, wie Vater oder Mutter immer weniger werden und schließlich sterben.

Liebe und Leiden sind nicht selten eng aufeinander bezogen. Ja, ich bin davon überzeugt: Jesus ist seinen Weg der Liebe zu den Menschen sehr bewusst gegangen; mit allen Konsequenzen. Er hat geliebt durchs Leiden hindurch, bis in den Tod. Aber so nahe dieses „O Haupt voll Blut und Wunden“ vielen noch ist, nicht alle teilen Paul Gerhardts Gefühle. Manche schreckt die Blutrünstigkeit dieses Liedes, wie sie es empfinden, sogar ab. Kann man sich – so fühlen und fragen sie  – kann man sich am Leiden eines Menschen so ergötzen? Müsste uns nicht vielmehr Zorn ergreifen, wenn man einen Menschen so leiden sieht? Und dürfen einem eigentlich beim Anblick unsagbaren Leidens Schauer religiöser Gefühle über den Rücken laufen? Das Kreuz (war und) ist immer noch anstößig. Es bleibt ein Ärgernis. Es leuchtet nicht einfach ein.

Jemand hat einmal gesagt: „Kein Wort würde ich diesem Jesus glauben, wenn er nicht am Kreuz geschrieen hätte: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum hast du mich verlassen? So schreien viele Menschen auch heute. Nicht wenige scheitern radikal, fühlen sich von Gott und den Menschen verlassen; ausgeliefert dem, was sie erleiden müssen. Für manchen ist die Welt so dunkel, dass da kein Gott mehr ist. Keine Hoffnung, nur die große Einsamkeit. Schonungslos erzählt die Bibel, dass es Jesus genau so ergangen ist. Nichts wird hier beschönigt.

Wer leidet, liebe Gemeinde – und das werden wir wohl alle aus eigener Erfahrung wissen – wer leidet, der ist ganz bei sich. Wer leidet, ist oft nicht in der Lage, etwas anderes um sich herum wahrzunehmen. Menschen, die nach einem Unfall unter Schock stehen und unentwegt auf das Unglück star-ren, muss man zur Seite nehmen und ihren Blick von ihrem Unheil weglenken.  Und das hilft!

Das tut Paul Gerhardt auch. Er wendet den Blick von den Leiden seiner Zeit und seines persönlichen Lebens ab. Stattdessen blickt er auf den leidenden Jesus. Denn das Sterben Jesu ist  die logische Konsequenz dessen, was wir an Weihnachten gefeiert haben: Gott wurde Mensch. Menschliches Leben gibt es nicht ohne Leiden und Sterben. Der Blick aufs Kreuz zeigt mir, dass Gott Ernst gemacht hat damit, dass er Mensch wurde. Er entzieht sich nicht den Schattenseiten des Menschseins, unseres Lebens. Ich begreife: das Kreuz lädt mich ein: Verlass dich mit Leib und Seele, mit allem was dein Leben mit Licht und Schatten ausmacht ganz auf den, der selbst gelitten hat und seinem Leidensweg nicht ausgewichen ist. Auf ihn, der von Gott und den Menschen verlassen wurde, kann ich mich ganz verlassen.

Der leidende Jesus ist damit nicht nur der radikal gescheiterte Mensch. Es ist Gott, der am Kreuz hängt.  Ein ungeheuerlicher Gedanke, auch noch nach 2000 Jahren. Und um es klar zu sagen: Gott hat das Opfer Jesu zugelassen, aber er braucht das Opfer Jesu nicht. Jesus hat sich geopfert, indem er seinen Weg bis in den Tod gegangen ist. Und deshalb kann auch ich für mich sprechen: Jesus ist für uns gestorben.

Wir blicken auf das Kreuz. Aber wir werden wir dabei nicht eins mit dem leidenden Jesus, sein Leiden ist nicht unser Leiden. Dass wir Menschen eins werden könnten mit Jesus, dieser Gedanke ist Paul Gerhardt fremd. Deshalb lenkt er im weiteren Verlauf des Liedes dann wieder den Blick von Jesus weg auf sich. Und er dichtet:„Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte, nimm mich an. Von dir, Quell aller Güter, ist mir viel Guts getan… 

„Es dient zu meinen Freuden und tut mir herzlich wohl, wenn ich in deinem Leiden, mein Heil, dich finden soll.“ Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, wie viele unter uns dies nachsprechen und nachempfinden können. Ich weiß aber, dass immer mehr Christen mit Karfreitag ihre Schwierigkeiten haben. Das Osterfest mit der Feier des Lebens ist vielen deutlich näher. Die Worte Paul Gerhardts sind für viele sperrig, seine Frömmigkeit fremd. Wieso soll der brutale Tod eines Menschen für uns von Bedeutung sein?

Durch das Paul Gerhardt Lied hat der Karfreitag eine Melodie bekommen, die uns nicht unberührt lässt. In den Jahrhunderten haben sich immer wieder Musiker daran versucht, diese Melodie neu zu interpretieren. So hat sie auch Eingang gefunden in die Popmusik. 400 Jahre nach Paul Gerhardt hat Paul Simon ein Lied geschrieben, das sich textlich an das alte Liebeslied anlehnt. Paul Simon singt davon, dass er sich in seinem Leben oft geirrt habe. Sein Leben sei von Schmerz, Sehnsucht und zerstörten Träumen durchzogen gewesen. Die Schattenseiten des Fortschritts würden immer deutlicher. Und er singt am Ende: „That’s all I’m trying, to get some rest.” Das ist alles, was ich versuche: etwas Schlaf, etwas Ruhe.

Das sind ganz andere Worte zum Karfreitag, diese ganz anderen Töne werden wir gleich hören. Sie fordern uns heraus, neu zu formulieren, was der Tod Jesu für uns sein kann. Es geht bei dem Kreuzestod Jesu nicht um ein historisches Ereignis. Es geht um die Frage, wie ich mich dem Tod Jesu gegenüber verhalten will. 

Von Anfang an hat es nicht nur ein Verständnis des Todes Jesu gegeben. Auch die vier Evangelien haben den Tod Jesu auf unterschiedliche Weise gedeutet. Aber eines war allen gleich: von Ostern her, von der Überwindung des Todes her haben die Christen auf den Karfreitag gesehen. Und sie entdeckten einen Gott, der sich dem Leiden nicht entzogen hat. Ein Gott voller Passion, voller Leiden und Leidenschaft.  Und sie begriffen: Bei diesem Gott sind wir gelitten.

Ein wenig Schlaf, ein wenig Ruhe. Das klingt so profan, so wenig fromm. Das klingt so ganz anders, als die Worte, die Paul Gerhardt gewählt hat. Es ist aber  gar nicht so weit weg von dem Empfinden, das Paul Gerhardt in seinen beiden letzten Strophen mit den Bildern seiner Zeit ausdrückt: „So reiß mich aus den Ängsten… Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod. Und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.“ Gott, lass mich zur Ruhe in dir kommen.

Im Mittelalter war es noch üblich, den Sterbenden ein Kruzifix vor Augen zu halten. So konnten sie bis zum letzten Atemzug auf das Kreuz Jesu schauen. Paul Gerhardt will voller Glauben und Vertrauen angesichts seiner eigenen Nöte darauf blicken. Denn: wer so stirbt, der stirbt wohl.

Aber noch einmal: Was, wenn wir mit diesen Bildern Paul Gerhardts zum Karfreitag nicht viel anzufangen wissen? Ganz gleich, wie unsere Empfindungen heute sind: unberührt bleiben wir nicht. Und deshalb werden wir heute neu vor die Frage gestellt: Was bedeutet uns dieser Tag? Was bedeutet uns der Tod Jesu? Welche Melodie wollen wir dazu singen?

Aber wie immer unsere Antworten und unsere Versuche ausfallen, für mich ist die Klammer diese Hoffnung: Wenn ich einmal soll scheiden, dann Gott, scheide nicht von mir. Diese Hoffnung, dass wir im Leben und im Sterben umfangen sind von dem Gott, der uns umgibt, wie die Luft, die wir einatmen. Denn „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zu-künftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Amen

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 29.04.2007 um 10 Uhr bis 11 Uhr vom  WDR 5, aus der Ev.-Luth. St. Marienkirche aus Minden übertragen. Die Predigt hält Präses Alfred Buß von der Ev Kirche von Westfalen.

 


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