Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

22.04.07, 8.05 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Die Konfirmation

Kaum ist Ostern vorbei, beginnen in vielen Kirchengemeinden die Vorbereitungen auf das nächste große Fest: Die Konfirmationen stehen vor der Tür.

250.000 Jugendliche werden jedes Jahr in Deutschland konfirmiert. Ich begrüße Sie, liebe Hörerinnen und  Hörer. Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin und arbeite als Theologische Studienleiterin im Evangelischen Erwachsenenbildungswerk in Dortmund.

Im letzten Jahr wurde auch meine Tochter konfirmiert, ich erinnere mich noch ganz genau. Der neue Rock, die Bluse und die Jacke hingen bereits Wochen vorher im Schrank. Die Gäste waren seit Monaten geladen. Meine Tochter freute sich… auf die vielen Geschenke, das Geld und ein fröhliches Fest, bei dem sie selbst ganz im Mittelpunkt stand. Seit ungefähr 250 Jahren ist das so: Mit dem Fest der Konfirmation endet in der evangelischen Kirche die zweijährige Konfirmandenzeit, in der sich die jungen Leute mit der Bibel, den Gebeten, Liedern und Lehren der Christen vertraut machen. Viele erinnern sich ein Leben lang daran.

O-Ton Nr. 1: H.R.: "15 Ich weiß, wir waren zu 96 Katechumen, die wir dort anfingen und saßen in einem ganz kleinem Raum auf ganz langen Holzbänken, wie die Heringe dicht zusammengedrängt. Eine völlig unmögliche pädagogische Situation.  Aber wir waren so erzogen worden, dass man Ehrfurcht vor dem Pfarrer hatte.  Nach meinem Notizbuch hatten wir über 103 Choräle -natürlich nicht immer alle Verse - aber doch von den wichtigen Chorälen des Gesangbuches mussten wir alle auswendig lernen."

Musik 
 
Konfirmation – das Wort stammt von dem lateinischen Verb: „confirmare – bestätigen“. Bei der Konfirmation wird der Bund, den Gott in der Taufe mit jedem Menschen schließt, bestätigt. Gleichzeitig sagen die jungen Menschen ihrerseits „Ja“ zu der Taufe, die sie zumeist als Säuglinge erhalten haben.

Herbert R. kam Ostern 1944 in den Konfirmandenunterricht. Es war Krieg. Die meisten Pfarrer waren an der Front. In seinem Dorf in Ostwestfalen musste ein über 70-jähriger Pensionär Gottesdienste halten und auch die Konfirmanden unterrichten.

O-Ton Nr. 2: H.R.: "32+33 Im KU war es so, dass zunächst abgehört wurde. Dann sagte er: „So, die und die Lieder habt Ihr aufbekommen und die und die Psalmen, jetzt wollen wir mal hören, ob Ihr das alles auswendig gelernt habt…!“ Dann kamen 6,7 dran von uns 96, die etwas aufsagen mussten. Dann sagte er: „So, jetzt gehen wir das nächste durch, was ihr dann auswendig lernen sollt.“ Aber eine Diskussion groß darüber, wie wir das denn verstanden oder welche Einwände wir dazu hatten, das gab es nicht. Und dann zogen wir mit unserem Sack, in dem wir dann unsere Gesangbücher und Testamente hatten  -  so ein kleines Säckchen hatte jeder - zogen wir dann nach Hause hin. 36 Und da habe ich mir einen kleinen Holzschemel selbst gebastelt, mit einfachem Fuß, wenn die Kühe Klee fraßen, da habe ich meine Verse auswendig gelernt"

Autorin: Das klingt nach viel Bibel, sturem Auswendiglernen alter Texte, die auch 1944 schon für die jungen Leute schwer zu verstehen waren. Das hört sich unpolitisch an, ja fast weltfremd. Aber Vorsicht. Sogar der Konfirmandenunterricht wurde in den Kriegsjahren von der Gestapo beäugt. Die wollte, dass er mit dem Hitlergruß beginnen sollte.

O-Ton Nr. 3: H.R.: "13   Die beiden Pfarrer bei uns und in der Nachbargemeinde, wollten das auf keinen Fall machen und hatten immer wieder überlegt, was können wir nur machen, um die Gestapo loszuwerden. Die kam immer wieder und forderte von ihnen, dass sie den KU mit einem Heil Hitlergruß beginnen sollten. Daraufhin haben sie es so gemacht und gesagt: Wir können nicht mit Heil Hitler beginnen, wir beginnen mit einer Andacht. Die Andacht beginnt: Gelobt sei Jesus Christus. Dann antworten die Katechumen und die Konfis: In Ewigkeit Amen. Da ist kein Platz für den Heil Hitler Gruß."

Autorin: Hitlers Größenwahn, seine mörderischen Pläne ließen den Alltag der Kinder und Jugendlichen damals nicht unberührt. Bis kurz vor Kriegsende wurde das Volk zum Kampf gegen den Feind aufgerufen. Millionen von Menschen waren bereits umgekommen in den Konzentrationslagern und auf den Schlachtfeldern. Doch Hitler schickte immer neue Soldaten an die Front.

O-Ton Nr. 4: H.R.: "25+ 26: Ein zweiter Bruder wurde in dieser schwierigen Zeit vor die Frage gestellt, ob er mit dem Volkssturm als 16-jähriger noch eingezogen werden sollte, in den Endkampf mit der britischen Armee. Die meisten Väter waren im Krieg. Die Mütter waren verzweifelt. Der Termin stand fest, an dem und dem Tag sollen sie in der Kreisstadt noch ausgebildet werden mit den Gewehren und mit den Panzerabwehrkanonen. In dieser Situation ist ein mir sehr bekannter Nachbarbauer eingesprungen und hat den Müttern die Entscheidung abgenommen. Hat gesagt: „Ich soll die wegbringen mit einem Pferdewagen in die Kreisstadt.  Schickt sie zu mir hin zum Sammelplatz und alles andere überlasst mir. Was machte er: Er lud alle 16-Jährigen auf seinen Wagen und bleute ihnen folgendes ein: Er sagte: Ich fahre jetzt Richtung Kreisstadt, wo ich euch abgeben soll und komme nach 2 km in das nächste Dorf  und wenn im nächsten Dorf noch einer von Euch auf dem Wagen sitzt, dann nehme ich die Peitsche. Und darauf sprach er „Hüh“…und dann ging die Fahrt los. Und im nächsten Dorf saß keiner mehr auf dem Wagen."

Musik 

Autorin: Herbert R. erlebte nicht nur die Strenge, die damals in der Kirche herrschte. Nicht nur den Zwang, 103 Choräle auswendig zu lernen. In den harten Jahren des Krieges bewiesen viele Menschen – oft ganz im Verborgenen - dass der christliche Glaube für sie mehr als ein Lippenbekenntnis war. Sie bewahrten sich ihre Hilfsbereitschaft, ihr Mitgefühl – manchmal sogar über nationale Grenzen hinweg.

O-Ton Nr. 5: H.R.: "39 Wir hatten einen polnischen Kriegsgefangenen, zu dem wir alle ein väterliches Verhältnis hatten. Als er auf unseren Hof kam, kam bald der Erlass, dass dieser polnische Kriegsgefangene nicht mit uns an einem Tisch essen dürfte. Und wir vier Kinder waren damals voller Entsetzen. Wir hatten diesen Michel so gern und wir sagten: Der soll aber hier sitzen. Bis dieser Kriegsgefangene selbst sagte: Ich will hier auf dem Hof bleiben, setzt mir hier einen Nebentisch hin. Ich möchte nicht, dass Ihr jetzt Schwierigkeiten kriegt. 41 Und dieser polnische Kriegsgefangene , der hat in der Kriegszeit nachts mit meiner Mutter Schweine sozusagen schwarz geschlachtet. "

Autorin: 1945 war der Krieg vorbei. Deutschland lag in Trümmern. Viele Menschen – vor allem in den Städten – hungerten. Die Schulen waren geschlossen, denn die Lehrer mussten entnazifiert werden.  Viele Eltern waren insgeheim froh, dass wenigstens der Konfirmandenunterricht fortgeführt werden konnte. Im Frühjahr 1946 war es dann so weit. Von dem großen Ereignis der Konfirmation trennte die 96 Konfirmanden nur noch eine Hürde. Diese allerdings löste bei allen Furcht und Zittern aus: Die Konfirmandenprüfung.

O-Ton Nr. 7: H.R.: "20+21 Diese Prüfung war immer 14 Tage vor der Konfirmation. Man hatte doch Angst, weil unsere Dorfkirche 1100 Sitzplätze hatte. Das heißt: Bei der Prüfung war die Kirche proppevoll.  Alle Verwandten kamen mit und wollten sehen, ob wir nun auch gut gelernt hatten. Das war also wirklich eine der schlimmsten Prüfungen für mich, viel schlimmer als später meine Führerscheinprüfung."

Autorin: Die Prüfung war der Tag, den die Konfirmanden fürchteten. Die Konfirmation allerdings war auch in jenen harten Monaten nach Kriegsende ein Festtag, auf den sich die ganze Familie, ja sogar das ganze Dorf freute. Viele Menschen standen am Wegesrand, wenn die Konfirmanden in Festtagskleidung die zwei Kilometer bis zur Kirche zurücklegten.
 
Musik 

Autorin: Zwei Posaunenchöre mit 80 Posaunenbläsern zogen zuerst in die Kirche ein, die 96 Konfirmanden folgten. Vor den Augen von mehr als 1000 Menschen wurde Herbert R. dann feierlich eingesegnet. Der Pfarrer legte ihm die Hände auf und sprach seinen Konfirmationsspruch.

O-Ton Nr. 8: H.R.: "50 Und ich bekam einen Konfirmationsspruch, über den ich erst sehr tief traurig war, weil ich mir ein ganz anderes Bibelwort gewünscht hätte. Der Konfirmationsspruch lautete: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Ich dachte, Mensch, bekennen und…, dazu hatte ich überhaupt kein Verhältnis. Ich wollte lieber Sprüche haben wie, Gott ist mein Schutz und mein Heil und meine feste Burg und so weiter. Mir wurde dieser Spruch nachher ganz wichtig, weil er natürlich stammt aus der Situation, wo viel zu wenig bekannt hatten im Dritten Reich…"

Autorin: Ich selbst wurde genau 30 Jahre später als mein Vater Herbert konfirmiert, 1976. In unserem Unterricht wurde gemalt, diskutiert, gespielt, gelacht. Wir mussten viel weniger Lieder und Bibelverse auswendig lernen. Trotzdem hatte ich einen Bammel vor der Prüfung und erinnere mich auch an einen  Patzer, der mir hinterher wirklich peinlich war. Wir mussten ein Arbeitsblatt mit Fragen ausfüllen. Eine Frage lautete: Wo hat Jesus gelebt und gewirkt? In Griechenland, Galiläa oder Gallien? Es war etwas mit Ga, das wusste ich noch. Aber vermutlich hatte ich vorher zu viel Asterix und Obelix gelesen. Also kreuzte ich Gallien an…was leider ziemlich daneben war. Nun ja, konfirmiert wurde ich trotzdem. Weitere 30 Jahre später - im Jahr 2006 – wurde unsere Tochter konfirmiert. Was ihren Konfirmationsspruch betraf - bekam sie dann die Chance, die ihr Großvater sich gewünscht hätte.
 
O-Ton Nr. 8: Stella: "Bei uns war das so, dass man sich überlegen konnte, ob man selbst einen raussuchen will. Oder wenn man das nicht wollte, dann hat der Pastor einen rausgesucht. Und dann hab ich so in der Bibel mal geguckt und dann bin ich irgendwie zu den Psalmen gekommen und hab da geguckt und dann ist mir da einer aufgefallen. Den hab ich dann genommen. Weil der eigentlich so das ist, was ich halt, wo ich jetzt so im Leben dran glaube. Weil das einer ist, der mir auch Mut macht, so’n bisschen: Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten. Gott ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen?"

Ein Ritus, ein Fest…doch wie hat es sich verändert im Laufe der Jahrzehnte. Nur eines ist gleich geblieben und wenn ich es mir so recht überlege, freut mich das. Das Vater Unser, das Glaubensbekenntnis, die Worte zum Abendmahl und zur Taufe und den Psalm 23 – diese Texte haben wir alle auswendig lernen müssen. Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, - sofern Sie konfirmiert wurden - vermutlich auch.

Mein Name ist Antje Rösener, ich bin Pfarrerin der evangelischen Kirche und wünsche Ihnen noch viel Spaß beim Erinnern alter Zeiten, großer Feste und wichtiger Bibelverse.

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Audiobeitrag Die Konfirmation


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