Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.04.07, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Hinsehen und handeln

Mein Schüler Marco, Azubi im Glaserhandwerk, investiert viel Zeit in sein Hobby Jiu Jitsu, der asiatischen Kampfsportart zur Selbstverteidigung und Selbstbehauptung.

Neben seinem eigenen Training trainiert er ehrenamtlich noch Kinder zwischen 8 und 14 Jahren. Weil er Spaß am Sport und Freude an den Kindern hat, opfert er dafür gerne seine Freizeit. Vor Kurzem ist seine bis dahin heile Sportwelt jedoch erschüttert worden:

O-Ton 1: „Ich hatte in meiner Trainingsgruppe einen Jungen, der war so neun  oder zehn. Da wir halt auch duschen gehen, und man dann auch den Oberkörper dann halt sieht ... da waren dann halt Striemen, sehr heftige Striemen auch, mit Krusten und Narben und so zu sehen.“

Autor: Ein Junge hatte den Rücken voller Verletzungen. Aber eben nicht vom Sport. Marco war geschockt und irritiert, aber sah nicht weg und ging der Sache nach.

O-Ton 2: "Und dann hab ich ihn versucht drauf anzusprechen, was er denn da hätte und warum. Nach langer Zeit dann des Redens kam er dann darauf zurück, dass seine Eltern ihn schlagen – mit so nem Lederriemen oder Ledergürtel oder was das auch immer war."

Autor: Marco spürte, dass er durch seine Beobachtung nun ganz anders als sonst gefordert war. Dass er sich nun auf eine ihm bis dahin unbekannte Weise einmischen musste. Sich in das Leben fremder Leute einzumischen ist ja bekanntlich eher unangenehm. Davor schrecken viele zurück. „Augen zu“ und „Mund zu “ sind ja oft der nahe liegende Weg, wenn man bequem durch’s Leben kommen will. Auch mein Schüler Marco war anfangs unsicher: Sollte er sich raushalten? Oder mit den Eltern des Kindes reden? Aber was redet man mit Leuten, die Ihre Kinder misshandeln? Und was konnte er allein schon ausrichten?

Marco entschloss sich, das Jugendamt einzuschalten. Und tat damit genau das Richtige:

O-Ton 3: "Ja, dann hab ich so watt gemacht, dass ich zum Jugendamt gegangen bin, hab das dann halt dargestellt, dass ich nen Jungen hab, der bei mir in ner Gruppe ist, der zu Hause misshandelt wird, also geschlagen wird – und dass der Junge halt dementsprechend auch aussieht. Und dann ging das eigentlich relativ ganz schnell – dass die dann auch dahin gefahren sind mit dem Jugendamt und haben dann nachgeguckt – und die haben den dann auch direkt mitgenommen."

Autor: Der Junge kam für kurze Zeit in ein Heim und lebt jetzt in einer Pflegefamilie. Besuchen darf Marco ihn aber nicht – zumindest nicht im ersten Jahr. Trotzdem: Er denkt denkt oft an ihn und ist sich sicher: Es war richtig, sich eingemischt zu haben. Er hat gelernt: Man muss nicht alles allein schaffen. Manchmal ist es das Beste, man sucht sich die benötigte Hilfe. Denn wenn Menschen leiden, ist alles besser, als nichts zu tun.

Letztlich konnte Marco so handeln, weil ihn das Leiden des Jungen nicht kalt gelassen hat. Weil er Anteil genommen, die Sache des Jungen zu seiner eigenen Sache gemacht hat. Trotz aller anfänglichen Skrupel ist sich Marco heute sicher:

O-Ton 4: „Ich bin froh, dass ich’s getan hab. Also, ich würd’s jederzeit wieder tun."

Audiobeitrag Hinsehen und handeln


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen