Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.04.07, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Richtet nicht

Eigentlich erstaunlich: Obwohl die Kriminalität in Nordrhein Westfalen im letzten Jahr zurückgegangen ist, die polizeilichen Aufklärungsquoten sogar gestiegen sind,

glauben viele Menschen, dass das Verbrechen Jahr für Jahr zunimmt. Und das dramatisch. Bei nicht wenigen wächst deshalb die Angst, Opfer einer Straftat zu werden.

Das erlebe ich zum Beispiel in Gesprächen am Berufskolleg, an dem ich unterrichte. Viele Schülerinnen und Schüler sind der Meinung, unser Alltag wimmele geradezu von psychopathischen Straftätern, Kinderschändern oder Serienkillern.

Und gegen all diese helfe nur „Wegsperren“. Selbst „Lebenslänglich“ sei da zu wenig. Alle Strafen unseres Staates seien viel zu lasch. Das sehe man daran, dass fast alle Entlassenen wieder rückfällig werden, so wird behauptet. Oft ist es dann nicht mehr weit bis zur Forderung nach Folter oder gar Todesstrafe.

Man fühlt sich persönlich bedroht. Man ist einseitig und oberflächlich informiert. Die blutrünstigen Schlagzeilen der Boulevardpresse und die zahllosen Fernsehserien rund um „Profiler“ und andere Gerichtsmediziner zeigen offenbar Wirkung. Und so schwingt man sich zum Richter auf, fordert das Recht auf Rache und Selbstjustiz.

Übrigens bin ich mir sicher: das ist natürlich keine exklusive Meinung meiner Berufsschüler. Wer z.B. in Straßenbahnen die Ohren aufsperrt, bekommt oft genug Ähnliches zu hören.

Was mich dabei extrem stört: An Fakten ist in der Diskussion zum Thema „Kriminalität“ vielen überhaupt nicht gelegen. Ebenso wenig an den Hintergründen.

Was mich aber mindestens genauso stört ist, dass Menschen in „Gute“ und „Böse“ aufgeteilt werden. Und die eigenen Schattenseiten aus dem Blick geraten, weil man sich natürlich zu den Guten zählt.

Und darum ginge es doch gerade, meine ich: Wenn man schon meint, über die Taten anderer richten zu müssen, sich selbst dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Oder genauer – um’s mit Jesus zu sagen: über die Splitter, die man im Auge der Mitmenschen entdeckt, den Balken im eigenen Auge nicht zu vergessen. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“

Statt vorschnell über andere und ihr Tun zu richten, zunächst einmal auf das eigene Verhalten achten. Und auf die eigenen inneren Abgründe. Haben wir nicht alle die Möglichkeit, das Böse zu tun?

Ich bin mir sicher: Wer mit sich selbst ins Gericht geht, richtet andere weniger hart. Gewinnt gewiss einen nüchterneren Blick auf menschliche Schuld. Ist dazu weniger manipulierbar durch Schlagzeilen und oberflächliche Meinungsmache. Fühlt sich weniger bedroht in seiner kleinen Welt. Hat weniger Angst, Opfer einer Straftat zu werden. Wird vernünftiger darüber nachdenken, was gegen Kriminalität helfen kann und was für Straftäter sinnvoller Weise zu tun ist.

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