Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

25.04.07, 8.56 Uhr, Pastorin Susanne Schart

Familienbande

Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit. Dieser Ausspruch des Schriftstellers Karl Kraus deutet auf die zwei Seiten von Familie:

zum einen auf das innige Band der Gemeinschaft ihrer einzelnen Mitglieder. Die aber andererseits schnell zur Bande werden können und mit unter die Nerven arg strapazieren. Wenn unterschiedliche Erwartungen aufeinander prallen. Wenn alle an einem zerren und ziehen, ist der Streit nicht weit. Dann mal so richtig auf den Tisch hauen und den lieben Familienmitgliedern den Marsch blasen. Ach ja, schön wäre es. Aber wer hat schon den Mut dazu?

Was wir uns vielleicht nur in Gedanken trauen, setzt Jesus in die Tat um. Und damit sind wir wieder mitten in der Beispielfamilie, die uns in dieser Woche zum Thema „Familie“ begleitet.

Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder? fragt Jesus, während seine Mutter und seine Brüder ihn rufen lassen. Die Geschichte spielt in einem Haus in Galiläa. Jesus predigt im Kreise fremder Menschen, als seine Familie vor der Tür steht. Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder? Mit dieser Frage reagiert Jesus auf die familiäre Störung. Und die Frage ist zugleich eine Antwort: ihr, liebe Familie, seid es nicht!

So sind Kinder manchmal. Undank ist der Welten Lohn. Dass dieser Spruch auch für Jesus zutrifft, verwundert. Was die Geschwister vermutlich achselzuckend hinnehmen: vom ältesten Bruder ignoriert zu werden, ist für die Mutter ein Schlag ins Gesicht. In aller Öffentlichkeit so verleugnet zu werden, trifft mitten ins Herz. Man muss keine Mutter sein, um das zu begreifen. Ihr Schmerz wird tief sitzen.

Wer könnte leiden wie eine Mutter? - Vielleicht nur der Vater. Er wird in dieser biblischen Geschichte mit keiner Silbe erwähnt. Die Mutter, die Brüder, sogar Schwestern von Jesus werden genannt. Der einzige der fehlt, ist Vater Joseph. Ungewöhnlich für eine Männergesellschaft ausgerechnet den Vater zu vergessen. Sicherlich gibt es eine Erklärung. Wir können nur spekulieren: Vielleicht ist er krank oder längst gestorben. Oder er geht seinem Beruf nach. Einer muss ja Geld verdienen. Vielleicht ist er auch bewusst zu Hause geblieben und denkt: Was habe ich mit dem Jungen zu schaffen? Kindererziehung ist Frauensache! Zudem ist er nicht mal von mir. Egal, welche Erklärung wir auch suchen, eines ist sicher: Es bleibt immer ein komisches Gefühl zurück, wenn ein Vater bei Familienangelegenheiten nur durch Abwesenheit auffällt.

Gerade jetzt könnte Maria seine Unterstützung brauchen. Was soll sie tun? Bloßgestellt vor ihren anderen Kindern, vor den Freunden ihres Sohnes und nicht zuletzt vor uns. Dabei hat sie doch alles für Jesus getan. Sie hat ihn unter ihrem Herzen getragen. Unter Schmerzen geboren. Sie hat ihn ernährt und umsorgt. Ihn gehütet wie ihren Augapfel. Immer wollte sie nur das Beste für ihren Sohn. Auch jetzt, als sie ihn rufen lässt. Sie will, dass er aufhört mit diesen Flausen, seine Zeit mit diesen fremden Menschen zu verbringen. Mit diesen Zöllnern, Huren und Sündern. Selten sind Eltern mit dem Umgang ihrer Kinder einverstanden.

Maria will ihren Sohn auf den rechten Weg bringen. Er soll endlich seinen Platz als Ältester in der Familie einnehmen. Endlich einem ordentlichen Beruf nachgehen. Er soll Ja zu Familie sagen und eine gründen. Fruchtbar sein und sich mehren. So wie es seit Jahrhunderten Tradition ist. Sie will doch nur sein Bestes. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Weniger ist auch in der Kindererziehung manchmal mehr! So schmerzhaft diese Erkenntnis auch ist: Kinder haben ihren eigenen Kopf und ihren eigenen Willen. Egal, welche Zukunft sich Eltern für ihren Nachwuchs erträumen, Kinder wollen und werden ihren eigenen Weg finden. „Das sicherste Mittel, Kinder zu verlieren“, so Pfarrer Sommerauer, „ist, sie immer behalten zu wollen.“

Audiobeitrag Familienbande


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