Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.04.07, 8.56 Uhr, Pastorin Susanne Schart

Wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen

Alle schlechten Eigenschaften entwickeln sich in der Familie. Das fängt mit Mord an und geht über Betrug und Trunksucht bis zum Rauchen.

Familie hat nicht den besten Ruf, glaubt man diesem Zitat des Regisseurs Alfred Hitchcock.

Die ganze Palette krimineller Energie findet sich im familiären Kreis. In ihm spielen sich die schlimmsten Dramen ab. Selbst in biblischen Zeiten ging es nicht ohne handfeste Konflikte ab. Besonders rivalisierende Geschwister liefern sich erbitterte Kämpfe um den Segen, das Erbe oder die Liebe der Eltern. Zimperlich geht man nicht miteinander um. Da wird der Lieblingssohn des Vaters von seinen Brüdern als Sklave verkauft und für tot erklärt. Dort betrügt der Jüngste den Ältesten um das Erbe – sogar mit mütterlicher Unterstützung. Und Schwestern zanken und feilschen um die Zuneigung desselben Mannes. Alles Geschichten, die die Bibel erzählt.

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen, lautet ein biblisches Wort. Die Eintracht unter Geschwistern wird als Segen Gottes gepriesen. Sie ermöglicht ein Leben in Frieden und Gemeinschaft. Eltern mehrerer Kinder wissen, wie sehr der Haussegen vom guten Verhältnis ihrer Kinder untereinander abhängt. Wie Streit und Zank das Familienleben vergiften.

Wer sich ein Leben lang mit der großen Schwester oder dem kleinen Bruder in den Haaren hatte, wird sich an das gute Gefühl erinnern, endlich ausziehen und eigene Wege gehen zu können. Geschwisterstreit kommt in den besten Familien vor. Selbst Jesus hatte wohl nicht das beste Verhältnis zu seinen Brüdern und Schwestern. Jedenfalls gewinnt man den Eindruck bei der biblischen Geschichte, die uns in dieser Woche begleitet. Seinen leiblichen Geschwistern gegenüber verhält er sich abweisend, ja distanziert. Er ignoriert sie. Er fragt: wer sind meine Brüder?, während diese doch vor der Tür stehen und nach ihm rufen. Es kommt nicht zu handfesten Konflikten zwischen Jesus und seinen Geschwistern, aber ein Herz und eine Seele sind sie keineswegs.

Warum tun sich leibliche Geschwister oft nur so schwer miteinander? Die gleiche Herkunft allein ist eben keine Garantie für geschwisterliche Eintracht. Wenn nicht einmal leibliche Geschwister in Frieden miteinander leben können, wie soll dies erst unter Fremden gelingen? könnte man fragen. Unter Menschen, die sich kaum kennen. Der Mann auf der Straße. Die Frau hinter der Kasse. - Oder könnte vielleicht gerade das der entscheidende Dreh- und Angelpunkt sein?! Den Blick zu öffnen: von der leiblichen Familie auf fremde Menschen? Denen kann man unbefangen und frei begegnen. Ohne all die negativen Erfahrungen und Bilder der Kindheit, die man meist ein Leben lang auf dem Herzen trägt. Die man nur selten überwindet.

Vielleicht können ausgerechnet Fremde, was leiblichen Geschwistern selten bis gar nicht gelingt: eben wie Geschwister miteinander leben. So wie man es sich idealer weise wünscht: einträchtig, hilfsbereit und liebevoll. Solch gelebte Geschwisterlichkeit ist ein altes christliches Ideal. Es stellt die Liebe in den Mittelpunkt. Eine Liebe, die weder konkurrieren noch um die Gunst der Eltern kämpfen muss. Es ist eine Liebe, die für alle Kinder reicht. Und lieben meint hier: einem Menschen immer wieder aufs Neue begegnen, frei von der Last der Vergangenheit. Sich immer wieder neu annehmen, so wie uns Gott annimmt. Die Liebe zu den Geschwistern ist ein Abbild der Liebe Gottes. Und zwar unabhängig aller familiärer Bindungen. Ja zu Familie! Aller Probleme zum Trotz. Das klassische Modell trägt nicht mehr. Aber wie sehen die Alternativen aus: Ein-Eltern-Familien. Patchwork-Familien. Meine, deine, unsere Kinder. Hat Jesus Besseres zu bieten? Wer das traditionelle Familienbild so selbstbewusst aus den Angeln hebt wie er, sollte das schon tun. Lassen wir uns also überraschen. Morgen.

Audiobeitrag Wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen


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