Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

24.04.07, 7.50 Uhr, Pastorin Susanne Schart

Wie heilig ist die Heilige Familie?

Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder?“ Vielleicht die wichtigste Frage, die ein Mensch stellen kann. Die Frage nach der Familie, nach der eigenen Herkunft.

Der Identität. Auskunft über die eigenen Familienmitglieder zu verlangen, ist ein berechtigter Wunsch eines Kindes. Eine verständliche Frage, sofern der Fragende nicht weiß, wer alles zu seiner Familie gehört.

Wenn allerdings eine Mutter ihren erwachsenen Sohn im Beisein seiner Geschwister zu sich rufen lässt und dieser – anstatt zu kommen – offen die Frage stellt: „Wer ist meine Mutter?“ dann scheint doch irgendetwas nicht koscher in dieser Familie.

„Ja zu Familie!“, liebe Hörerinnen und Hörer. Dieses Thema beschäftigt nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch die Morgenandachten in dieser Woche.

Heute und an den nächsten Tagen steht eine ganz konkrete Familie im Mittelpunkt. Um uns eine lange Vorstellung zu ersparen, betrachten wir eine Familie, die sie alle gut kennen - nicht zuletzt vom Weihnachtsfest: die Heilige Familie. Mutter Maria, Vater Joseph und den Sohn Jesus mit seinen Brüdern und Schwestern. Wenn sie sich jetzt fragen, warum ausgerechnet diese Musterfamilie, bei der doch alles in bester Ordnung ist, dann muss ich sie leider enttäuschen, liebe Zuhörer. Die Eingangsfrage „Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder?“ stammt von keinem geringeren als Jesus selbst.

Und das kam so: Einst befindet sich Jesus in einem Haus in Galiläa. Er wird umringt von vielen Frauen und Männern. Die sitzen um ihn herum im Kreise und hängen gebannt an seinen Lippen, denn er predigt vom Reich Gottes.

Völlig unerwartet stehen Jesu Familienangehörige vor der Tür. Seine Mutter und seine Brüder lassen nach ihm rufen. - O Gott, würde ich denken, irgendetwas ist passiert. Gleich die ganze Familie sucht nach mir. Eine Freudenbotschaft wird das bestimmt nicht sein. Die könnte einer allein überbringen. Aber vor der Tür stehen gleich die Mutter und die Brüder. Der Vater fehlt. Hoffentlich ist nichts Schlimmes mit ihm.

Natürlich erwarten wir, dass ein guter Sohn umgehend seine Predigt unterbricht und zu seiner Mutter eilt. Besorgt fragt: Warum kommt ihr her? Was ist nur passiert? - Aber weit gefehlt. Stattdessen fragt Jesus in die Runde: Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder? Mehr nicht. Erstaunen und betretenes Schweigen bei den Anwesenden können wir annehmen.

Was soll diese Frage? Ist sie ernst gemeint? Erwartet Jesus etwa eine Antwort? Wir wissen doch alle, wer seine Mutter und seine Brüder sind. Sie stehen doch direkt vor der Tür!

Die Frage Jesu ist die Grundsatzfrage, die seit Wochen Thema ist: Wer ist Familie? Was heute die Schlagzeilen füllt, ist keine neue Frage. Jesus hat sie schon weit vor unserer Zeit gestellt und im Gegensatz zu uns auch beantwortet. Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder? Diese Frage ist ernst gemeint! Dass Jesus sie jedoch öffentlich und in dieser Situation stellt, ist ein Skandal. Mehr noch. Ein Schlag ins Gesicht der leiblichen Familie. Mit seiner Frage hinterfragt Jesus die bestehende Ordnung. Stellt die „Familie“ anhand seiner eigenen Familie auf den Prüfstand. Was Jahrhunderte wie selbstverständlich galt, wagt Jesus zu überdenken: das bestehende Familienmodell.

Wer ist meine Mutter und wer meine Brüder? Diese Frage reicht. Sie hat bereits das Ende des bisherigen Familienlebens zur Folge. Wir brauchen die Antwort gar nicht abwarten. - Aber was wollte die Familie eigentlich von Jesus. Hätten sie nicht warten können, bis er nach Hause kommt?  Und was ist mit Vater Joseph? Sagt der noch Ja zu Familie oder hat er sich auch längst von ihr verabschiedet? Wie so viele Väter bis in unsere Tage? Morgen wissen wir mehr.

Audiobeitrag Wie heilig ist die Heilige Familie?


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