Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.04.07, 6.56 Uhr, Dr. Gerd Höft

Sehnsucht nach Vollkommenheit

Von Michelangelo, dem großen Maler und Bildhauer wird folgende Geschichte erzählt. Einmal ging er mit einem Freund zu den Marmorbrüchen in Carrara.

Von dort holte er sich wohl oft das Material für seine Figuren. Er zeigte ganz begeistert auf einen groben Klotz und sagte zu seinem Freund: siehst du den Engel da?

Der geniale Bildhauer hat offenbar im Unvollkommenen schon das Vollkommene gesehen. Seine Augen, die weiter und tiefer schauen konnten, haben im groben, unbehauenen Marmorklotz den wunderbaren Engel entdeckt. Er musste ihn sozusagen nur noch aus dem Brocken befreien.

Es werden nicht viele von uns diesen Blick für das Vollkommene haben. Die meisten von uns werden auch wenige Möglichkeiten haben, diesen Blick zu trainieren. Zuviel Unvollkommenes um uns herum; und wir ein Bestandteil davon.
Schon wenn ich morgens in den Spiegel schaue: Falten, Kerben und keine Schneewittchenhaut. Der Blick am Körper hinunter: auch nicht gut: zehn Kilo Übergewicht. Dann kommt schon mal diese Sehnsucht auf, anders zu sein; eher dem zu entsprechen, was in Richtung Vollkommenheit geht. Aber diesen Anflug von –ich geb’s ja zu: Eitelkeit -stecke ich gut weg. Schwieriger wird es dann schon; wenn es um die Sehnsucht nach der Vollkommenheit geht, die sich nicht mit Äußerlichkeiten aufhält.

Ich denke an die Kinder, die nicht die Wunschkinder der Eltern sind; die sich auf der Schule schwer tun und so gar nicht die kleine Genies sind, die manchen Eltern so vorschweben und die dann Druck ohne Ende machen. Ich denke an die vielen gescheiterten Beziehungen, weil sich der Partner oder die Partnerin sich nicht als die vollkommene Ergänzung herausgestellt hat. Ich denke an die vielen, die an ihren eigenen unerfüllbaren Ansprüchen an sich selbst und an die Welt zugrunde gehen.

Sehnsucht nach Vollkommenheit. Eine schwierige Sache. Auch diese Sehnsucht zeigt so recht das Doppelgesicht jeder Sehnsucht.

Natürlich ist es auch gut nach Vollkommenheit zu streben; sich also nicht mit dem erstbesten zufrieden geben; eben schauen, was noch alles in einem steckt und durchaus auch auf Überraschungen gefasst sein. Denn das wissen wir doch auch: unsere wahren Begabungen und Fähigkeiten leben oftmals in uns ein Mauerblümchendasein. Nicht recht erkannt, nicht recht gewürdigt. Da geht es uns wie dem Marmorblock und dem darin verborgenen Engel. Von außen unansehnlich und grob, doch innen längst als Engel erkannt; ein Engel, der nur darauf wartet, enttarnt zu werden, der darauf wartet, dass ihn jemand sieht, erkennt und aus seinem Block befreit. Und damit wären wir über Michelangelo, den ärgerlichen Blick in den Spiegel und über die Druck machenden Eltern und Partnern bei dem angelangt, der für jeden von uns den Michelangelo-Blick hat. Gott selbst. Schöpfer und Bewahrer von allem, was ist und noch werden soll. Der sieht in jedem von uns das verborgene Gute und Schöne; hat schon längst alles, was uns in unseren Augen verunstaltet und grobschlächtig aussehen lässt, beiseite gehauen; der uns so vor den Spiegel unseres Herzen führt und sagt: siehst du, so habe ich dich gewollt: begabt, fähig ,schön; voller Wunder und Anmut, mein Kind.
Wenn ich um diesen Engel in mir weiß, werden mich die Blicke der anderen nicht mehr kränken, werde ich jeden Druck aushalten - wird meine Sehnsucht nach Vollkommenheit ihr Ziel gefunden haben; denn diesen Engel in mir kann mir niemand nehmen und Gott mit seinem Michelangelo-Blick hat das längst gesehen.

Audiobeitrag Sehnsucht nach Vollkommenheit


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