Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.04.07, 7.50 Uhr, Dr. Gerd Höft

Sehnsucht nach Liebe

Let me wrap you in my warm and tender love. Lass mich dich einwickeln in meine wärmende und zärtliche Liebe. Percy Sledge sang einmal diesen Schmusesong.

Es ist viele, viele Jahre her. Wir waren noch jung, und die Sehnsucht nach Liebe, Lust und Leidenschaft, nach den himmelstürmenden Gefühlen war noch nicht einer gewissen Erfahrungsroutine gewichen. Und während wir noch tobende Hormone mit Liebe gleichsetzten, traf mich diese Textzeile.

Sie öffnete mir die Augen für einen wesentlichen Aspekt der wirklichen Liebe: die Geborgenheit. Immer wieder habe ich diese wunderbare Erfahrung gemacht: wenn’s mir schlecht ging, ich schwerer erkrankt war – da war dann jemand da und der hat mich wie mit einem warmen, weichen Tuch in seine Liebe und Zuneigung gehüllt. Alle Anstrengung konnte ich loslassen, alle Quälerei, musste mich nicht mehr abmühen, nichts mehr wurde von mir verlangt. Lass mich dich einwickeln in meine Liebe, die nichts fordert, nichts will, nur da sein und dich bergen.

Ich erinnere mich an Nächte, in denen ich mein weinendes Kind in den Armen hielt und ich es einhüllen konnte in meine wärmende, zärtliche Liebe und die ihm ohne Worte versprach: ich bin da, für dich da. – und wie sich dann der kleine Körper entspannte, die Tränen versiegten.
Höhepunkte leidenschaftlicher Liebe sind schön, aber auch schnell vergänglich. Doch dieses Gefühl, wenn sich ein Wärmestrom bildet, dich einhüllt und sagt: alles ist gut, das ist mit nichts aufzuwiegen. Junge Leute, die nahezu zwangsläufig Liebe mit Sex gleichsetzen, mögen das vielleicht noch anders sehen; staunen dann aber, wie schnell sich diese ewige Liebe, die sie sich versprochen haben, so rasch auflöst, so rasch nachlässt, wenn sich der Sex verflüchtigt. Wehe dann, wenn sie sich nicht auch Augenblicke wärmender und zärtlicher Geborgenheit geschenkt hatten – das Scheitern der Beziehung kommt dann schneller als erwartet.

Ich will jetzt nicht Leidenschaft gegen Geborgenheit  ausspielen. Beides hat natürlich sein Recht. Aber wenn sich die Sehnsucht nach Liebe in einer Sucht nach Leidenschaft erschöpft- dann kriegen wir mit beidem ein Problem.

 Es gehört ja zum Wesen der Leidenschaft, dass sie fordert, dass sie will,  dass sie schnell entflammt und schnell erkaltet; sie stellt Bedingungen und ist gnadenlos; sie wendet sich zu und wendet sich ab und hinterlässt nicht selten verbrannte Erde.
Geborgenheit hält die Wärme in einer Beziehung fest, ist ein ruhiger Fluss, der nicht mitreißt, sondern mitnimmt; sie ist die Decke in den kalten Nächten meines Lebens, die kühlende Hand auf fiebriger Stirn, das Schlaflied am Bett des Kindes und gemeinsam geweinte Tränen nach überstandener Lebenskrise.

Und was hat Gott damit zu tun? Mir hilft er, auf diese Unterscheidung zu achten, damit ich meine Irrungen und Wirrungen klein halte und merke, worum es bei der Liebe geht. Der Blick in die Heilige Schrift hilft hierbei. Sie zeigt mir einen Gott, der einerseits unbedingt und voller fordernder Leidenschaft ist. Der dem Menschen, dem Objekt seiner Begierde, hinterher rennt, liebenstoll und liebeskrank. Der will. Alles. Total. Jetzt.
Wäre Gott nur so, würde er mir Angst machen. Aber er zeigt sich auch anders. Wenn es in der Bibel heißt: Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm – dann ist dieser andere Wesenszug der Liebe gemeint: die Sehnsucht, Geborgenheit zu schenken, sich zu schenken, bedingungslos, vorurteilsfrei.

Da geht es anderen sicher anders: aber wenn  ich diesen Wesenszug Gottes brauche und mich nach ihm sehne, dann höre ich ihn mit Percy Slegdes Stimme flüstern: Lass mich dich in meine wärmende und zärtliche Liebe einwickeln. Und siehe: Alles ist gut.

Audiobeitrag Sehnsucht nach Liebe


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