Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.04.07, 5.56 Uhr, Dr. Sven Keppler

Der Schatz der Freiheit

Moyenne ist eine einsame Insel auf den Seychellen. Riesenschildkröten liegen behäbig unter Palmen. Die Zeit scheint still zu stehen unter der tropischen Sonne

Ein Paradies für Aussteiger. Es verspricht unbegrenzte Freiheit: fern von den Zwängen der Zivilisation und des Alltags.

Aus diesem Grund hat Brendon Grimshaw diese Insel vor 34 Jahren gekauft. Umgerechnet 64.000 Mark hat er damals bezahlt. Sein bisheriges Leben ließ er hinter sich: den Beruf als Chefredakteur, die vornehmen Teegesellschaften, den alltäglichen Stress. Er wollte die Freiheit gewinnen, sein eigener Herr zu sein: mit eigenen Händen ein Haus bauen, Fische fangen, Gemüse anbauen. Sogar eine eigene Kapelle hat er errichtet.

Die Freiheit dauerte jedoch nicht lange. Das Problem waren nicht die Menschen, die hin und wieder auf die Insel kamen. Auch die Mühen des Alltags haben die Freiheit nicht zerstört. Eine fixe Idee war es, die Brendon Grimshaw gefangen nahm: Auf der Insel sollte ein Schatz vergraben sein.
Einheimische hatten ihm von Piraten erzählt, die im 18. Jahrhundert Diamanten, Gold und Schmuck hier vergraben hätten. Grimshaw begann zu graben. Er stieß auf die Spuren alter Erdarbeiten. Heute ist die Insel von Löchern überzogen. Der Aussteiger ist mittlerweile 81 Jahre alt. Einen Schatz hat er bis heute nicht gefunden.

Die Freiheit ist ein flüchtiges Gut. Kaum ist sie da, kann sie zu einem leeren Raum werden. In diesen Freiraum dringen dann Dinge ein, die die Freiheit gleich wieder zerstören. Wie zum Beispiel die Idee vom Schatz.

In der Bibel wird von einem Menschen erzählt, dem es genau umgekehrt gegangen ist. Beim ihm fing alles damit an, dass er in einem Acker einen Schatz fand. Dieser Acker war keine Trauminsel. Wahrscheinlich war der Mann ein Tagelöhner, der sich täglich auf fremden Äckern abmühte.
In seiner Entdeckerfreude trennte er sich von allem, was er besaß, um den Acker mit dem Schatz kaufen zu können.

Auch für ihn lag die Freiheit darin, sich von seinem bisherigen Leben zu trennen. Aber er musste nicht mehr verzweifelt nach etwas suchen, womit er seine neue Freiheit füllen konnte. Das, was seinem Leben einen Sinn gab, hatte er schon gefunden.

Wer in unserer Gesellschaft mehr Freiheit für den Einzelnen fordert, sollte über diese beiden Geschichten einmal nachdenken. Vielleicht ist es ja so, dass Freiheit alleine nicht reicht. Vielleicht braucht es eine Idee, die der Freiheit einen Sinn gibt. Ohne solche Ideen ist es mit der Freiheit schnell wieder vorbei.

Jesus hat die Geschichte vom Schatz im Acker als Gleichnis erzählt. Der Schatz steht für den christlichen Sinn des Lebens: auf Gott vertrauen; das Wohl der Mitmenschen im Blick haben; sich nicht mit der Welt abfinden, wie sie nun einmal ist. Wer das für sich entdeckt hat, ist für die Freiheit gut vorbereitet.

Audiobeitrag Der Schatz der Freiheit


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