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Europas Wurzeln
In Berlin war Partystimmung. Die Europäische Gemeinschaft feierte in diesen Tagen ihren 50. Geburtstag. Pünktlich zu diesem Anlass versucht die Bundeskanzlerin,
die längst totgesagte europäische Verfassung wiederzubeleben. Leider muss dieses Projekt wohl mit einer Lebenslüge erkauft werden. In der Verfassung wird Gott vermutlich nicht auftauchen. So wird unsere Herkunft verschleiert. Und das wahrscheinlich nicht zufällig.
Wenn von Gott die Rede ist, werden wir Europäer nämlich an unsere Wurzeln erinnert. Und diese liegen weder an den frischen Küsten der Nordsee noch in den fruchtbaren Ebenen Italiens. Unsere Wurzeln liegen im Nahen Osten. Einer Gegend, die heute jeder mit dem Islam verbindet. Daran erinnern zwei Geschichten. Europa war der Name einer Prinzessin aus dem Libanon. Der Göttervater Zeus verguckte sich in ihre Schönheit. Er verwandelte sich in einen Stier und betörte sie mit zärtlichem Schnauben. Als sie schließlich auf seinen Rücken kletterte, eilte er mit ihr fort. Gegen ihren Willen entführte Zeus sie auf einen Kontinent ohne Namen. Der hieß von da an Europa.
Dieser Mythos sagt: Europas Identität kommt aus dem Nahen Osten seine Schönheit, seine Kultur, sogar sein Name. Erst durch Verführung und Gewalt haben unsere Vorfahren all das gewonnen.
Die andere Geschichte ist friedlicher. Kurz nach dem Tod Christi hatte der Missionar Paulus die gesamte Türkei durchwandert. Als er am Bosporus angekommen war, hatte er einen Traum. Ein Grieche stand da und bat ihn: Komm herüber und hilf uns. Paulus kam und brachte so den christlichen Glauben nach Europa.
Unsere kulturellen und religiösen Wurzeln liegen also im Osten. Das verbindet uns mit Türken und Arabern. Wir haben eine gemeinsame Geschichte voller Licht und Schatten. Und beide Religionen sind, wie das Judentum auch, erst durch Einwanderer nach Europa gekommen.
Das hat natürlich auch Folgen für die Verfassung: Der Gottesbezug würde niemanden auf den Gott der Christen festlegen. Jeder dürfte gerne auch an Zeus denken. Oder an Allah. Wer allerdings den Gottesbezug vermeiden will, der möchte nicht an die östlichen Wurzeln unserer Kultur erinnert werden. Weder an die gewaltsamen, noch an die friedlichen. Und erst recht nicht an die religiösen.
Für die Verschweiger Gottes hätte ich einen Vorschlag: Vielleicht sollte man sich in der Verfassung auf den Freiherrn von Münchhausen berufen. Der stammte immerhin aus dem Weserbergland im Herzen Europas. Wer sich wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann, der braucht auch keinen Gott.
Dass Münchhausen ein Lügenbaron war, gerät vielleicht irgendwann in Vergessenheit. Eines sollte jedoch nicht vergessen werden: Unsere Kultur und unsere Religion haben ihre Wurzeln im Osten. Ebenso wie das Judentum und der Islam.
Diese Religionen sind sich darin einig, dass ein Mensch sein Leben und seine Würde von Gott erhält. Deshalb sollte Gott in einer künftigen europäischen Verfassung unbedingt erwähnt werden.
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