Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.04.07, 8.05 Uhr, Pfarrer Traugott Vitz

Wenn es Gott gibt, dann müsste er doch...

So ganz im Nebel ist die Zukunft nicht. Ein bisschen glauben wir schon zu wissen, was morgen sein wird. Wir rechnen mit diesem und jenem,

glauben mehr oder minder sicher zu sein, dass dies oder jenes passieren oder nicht passieren wird. Das machen wir alle: Sie, ich, jeder. Wir hören es im Wetterbericht...

Sprecher, im Nachrichtenton: "Im Zusammenhang mit dem heranziehenden Sturmtief erwartet das hydrografische Institut ..."

Autor: ...oder in den Wirtschaftsnachrichten

Sprecher: "Ich gehe davon aus, dass sich die erfreuliche Entwicklung der letzten Jahre..."

Autor: ...oder auch im persönlichen Bereich. Wir erwarten ein Kind, wir erwarten eine Mieterhöhung, wir erwarten Gäste. Aber manchmal kommt es anders. Die Erwartung verpufft, löst sich in Nichts auf oder bricht mit Getöse zusammen. Es tut wahrscheinlich am meisten weh, wenn Erwartungen an eine Beziehung enttäuscht werden. Wenn wir davon ausgegangen sind, dass wir den anderen kennen, und eben deshalb erwarten, dass er sich so und nicht anders verhalten wird. Aber wir haben den anderen vielleicht nicht gut genug gekannt, haben uns ein Bild von ihm gemacht und dann mit dem wirklichen Partner verwechselt. Und das Ergebnis kann dann lauten:

Sprecherin, vorwurfsvoll: "Du hast mich schwer enttäuscht. Das hätte ich nie von dir erwartet."

Autor: Liegt das dann immer an dem anderen? Kann es nicht auch an meinen Erwartungen gelegen haben? dass die einfach falsch waren? Ich vermute, dass viele Menschen deshalb auf Gott böse sind oder mit ihm fertig zu sein glauben, weil ihre Erwartungen an ihn sich nicht erfüllt haben. Was zwischen Menschen passiert, wenn ihre Erwartungen an die Beziehung enttäuscht werden, kann auch in der Gottesbeziehung geschehen. Mein Name ist Traugott Vitz; ich bin evangelischer Pastor in Hilden bei Düsseldorf.

Musikeinblendung: „Toccata“ von „Sky“ (Arr. Kevin Peek)

Ein Mann reitet auf einem Esel in die Stadt ein. Die Stadt heißt Jerusalem. Es wimmelt von Menschen, denn in weniger als einer Woche beginnt das große Fest, und die meisten Pilger sind schon da. Sie kennen den Mann, der da einzieht; sie haben schon viel von ihm gehört. Ein Wundertäter. Ein mächtiger Prediger. Ist er möglicherweise der Messias? der König der Endzeit? der Gesandte Gottes? ist es jetzt so weit? Schluss mit der Fremdherrschaft der Römer, Schluss mit Ungerechtigkeit und Not? Die Luft ist geschwängert mit Erwartung.

{Einspielung: „Hosanna” aus „Jesus Christ Superstar”, dritter Choreinsatz:
Crowd Hosanna Heysanna Sanna Sanna Ho
Sanna Hey Sanna Ho Sanna
Hey JC, JC won’t you fight for me?
Sanna Ho Sanna Hey Superstar}

Autor: „Hey JC, willst Du nicht für mich kämpfen?” – das rufen sie ihm zu. Sie erwarten einen Gesandten Gottes, der es dem Bösen mal so richtig zeigt. Der so zuschlägt, dass der Teufel keine Chance mehr hat. Aber das tut er nicht. Vier Tage später lässt er sich verhaften. Einfach so. Er kommt vor Gericht. Er schlägt nicht, er lässt sich schlagen – ohne Gegenwehr. Das Volk ist verärgert und irritiert. Wenn es Gott gibt, dann darf er das doch nicht zulassen. Wenn es Gott gibt, dann müsste er doch jetzt Einhalt gebieten. Wenn es Gott gibt, dann kann dieser Mann nicht sein Gesandter sein. Also gibt es nur eins:

{Einspielung aus „Jesus Christ Superstar“: Nummer „Trial Before Pilate (Including The 39 Lashes)”
Crowd Crucify him, crucify him!}

Autor: Ans Kreuz mit ihm. So schreit das Volk, so befiehlt es der römische Prokurator, so geschieht es. Fassungslos beobachten es seine Freundinnen und Freunde aus vorsichtigem Abstand. Auch sie hatten alles andere erwartet, nur nicht das. Einer von ihnen fasst seine Erwartung drei Tage später in die Worte:

Sprecher: „Wir hatten doch gehofft, er sei der erwartete Retter, der Israel befreien soll!” 

Autor: Und er sagt das in einem Ton, als meinte er eigentlich: Jetzt aber sieht es danach aus, als sei er das gar nicht gewesen. Als hätte uns Gott an der Nase herumgeführt. Uns heute liegt es auf der Zunge, ihnen zuzurufen: Falsch, liebe Leute, falsch und richtig zugleich! Ihr hattet Recht, von diesem Mann Rettung und Befreiung zu erwarten; ihr hattet Recht, darauf zu hoffen, dass Gott für euch etwas unternimmt. Aber an einer Stelle waren eure Erwartungen falsch: Nicht mit Gewalt, nicht durchs Schwert kommt die Rettung. Und jetzt, weil es nicht genau so kam, wie ihr erwartet habt, deshalb könnt ihr nicht mehr sehen, dass es überhaupt gekommen ist. Eure Erwartungen haben euch getrogen. Eure Erwartungen. Nicht Gott. Gott ist kein Betrüger.

Musikeinspielung: „Jesus Christ Superstar“, Ouvertüre

Autor: Erwartungen haben es an sich, dass sie oft gar nicht ausgesprochen werden. Zum Beispiel, weil man glaubt „Das versteht sich doch von selbst; darüber muss man doch nicht lange reden!” Aber die Erfahrung zeigt, dass manchmal der andere von meinen Erwartungen gar keine Ahnung hat und aus allen Wolken fällt, wenn ich ihm meine Enttäuschung zeige. Deshalb hat ein Psychologe es mal auf die Formel gebracht:

Sprecher: „Erwartungen sind einseitige Verträge, von denen der andere nichts weiß.“

Autor: Einseitige Verträge. Nämlich nur von meiner Seite. Der andere weiß nichts davon. Ich habe ihm nie gesagt, was ich von ihm erwarte. Ich habe mich nie vergewissert, ob er einverstanden ist. Erst dann wäre ein wirklicher Vertrag zustande gekommen, ein Bund, eine verbindliche Sache.Noch schlimmer ist nur, wenn noch nicht einmal ich selber sagen kann, was ich eigentlich erwarte und was nicht. Dann läuft es nämlich nach dem Schema:

Sprecher: „Ich kann Dir zwar nicht sagen, was ich von Dir erwarte, aber ich werde sehr böse werden, wenn Du es nicht tust!”

Autor: Aus dieser selbstgelegten Falle gibt es nur einen Ausweg: Erstens: Nüchtern und selbstkritisch prüfen, was man da eigentlich erwartet hat. Und: Sich darüber klar werden, ob man zu diesen Erwartungen eigentlich berechtigt war. Hat der andere mir etwas versprochen? und was war das genau? Habe ich ihn richtig verstanden? Ich glaube, es liegt oft an eben dieser nötigen, aber oft unterlassenen Klärung, wenn Menschen mit ihren Erwartungen an Gott Schiffbruch erleiden. „Wenn es Gott gibt, dann müsste er doch...” – so fangen dann ihre Klagesätze an. Er müsste doch dem Hunger in der Welt ein Ende bereiten, die Kriege und das terroristische Morden verhindern, mich und die Meinen vor Unfall und Krankheit bewahren – und noch viel mehr. Muss er? Hat er das versprochen? oder leite ich das nur ab aus dem Bild, das ich mir von ihm gemacht habe? Mir wird manchmal mulmig, wenn ich zum Beispiel sehe, welchen Taufspruch Eltern für ihr Kind aussuchen. Ein Psalmwort ist da sehr beliebt:

Sprecherin: „Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.”

Musikeinspielung: Sky, „Vivaldi“

Autor: Dass ihrem Kind was passieren könnte – das ist die größte Angst junger Eltern. Dass ihr Kind behütet sei, immer: das ist ihr größter Wunsch. Alles verständlich. Aber was für Er-wartungen haben junge Eltern, wenn sie einen Taufspruch aussuchen, der davon spricht, dass Gottes Engel ihr Kind behüten? Erwarten sie jetzt, dass mit der Taufe eine Art religiöse Unfallversicherung abgeschlossen würde, mit Gott als Vertragspartner?

So sehr ich daran glaube, dass Gott uns nie im Stich lässt – ich glaube nicht, dass seine Engel mich davor bewahren werden, eine rote Ampel zu übersehen. Der Gott, an den ich glaube, lässt den Menschen ganz viel Freiheit. Freiheit, eigene Dummheiten zu machen und unvorsichtig zu sein, sogar die Freiheit, böse zu sein und anderen zu schaden. Er verhindert nicht, jedenfalls nicht immer, dass Menschen Schlimmes erleiden oder sogar einander Leid antun. Aber wenn das geschieht, dann trägt er es mit dem Leidenden. Vielleicht ist das sogar das Wichtigste für einen, der leidet: Dass er nicht allein gelassen wird, sondern Nähe und Beistand erlebt.

Der Apostel Paulus zum Beispiel hat es so erlebt. Sein Leben war alles andere als leicht; es war voller Verfolgung, Misshandlung, Unfällen auf der Reise und schwerer Krankheit. Aber dass Gott ihn verlassen hätte, hat er trotzdem nie geglaubt. Am Ende seines Lebens schreibt er:

Sprecher: "Ich bin ganz sicher, dass nichts uns von Christus und seiner Liebe trennen kann: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen noch andere gottfeindliche Mächte, we-der Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Himmel noch Hölle. Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes, die uns verbürgt ist in Jesus Christus, unserem Herrn."

Autor: Nichts weniger als das dürfen wir von einem Leben mit Gott erwarten: Dass er als ein Liebender, als ein Freund, mitgeht durch alles, was geschieht. Und dass seine Liebe mächtiger ist als alles, was uns geschehen könnte. Sogar mächtiger als der Tod. Ich wünsche Ihnen einen schönen Palmsonntag, eine gesegnete Karwoche und fröhliche Ostern. Ich bin Traugott Vitz, evangelischer Pfarrer in Hilden bei Düsseldorf.

Musik: Sky, „Toccata“ (Schlussteil)

Audiobeitrag Wenn es Gott gibt, dann müsste er doch...


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