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Geiz ist nicht geil
Sonntag morgen. Wochenende. Kein Wecker, keine Termine, kein Stress. Von ferne das Läuten der Kirchenglocken. Wie lange noch?
Alle Jahre wieder : Der Angriff auf den freien Sonntag Umsatz, Arbeitsplätze, Standort Deutschland sind die Argumente gegen den einen freien Tag der Woche, gegen ein Stück abendländischer Kultur.
Die Evangelischen Kirche hält dagegen. Ohne Sonntag gibts nur noch Werktage ist der Slogan. Ohne Sonntag gibt es keine Erinnerung mehr daran, dass das Leben der Menschen mehr ist, als wirtschaftlicher Wert und Verwertbarkeit. Ohne Sonntag gilt nur noch das Gesetz des Marktes.
Die Evangelische Kirche hält dagegen. Noch. In den kommenden 25 Jahren wird sie aber ein Drittel weniger Mitglieder und nur noch die Hälfte des derzeitigen Finanzetats haben. Hohe Arbeitslosigkeit, Überalterung der Gesellschaft und nicht zuletzt Kirchenaustritte lassen der Kirche finanziell die Puste ausgehen. Es bleibt den Kirchen nichts anderes übrig, als zu sparen.
Die Schließung von Kindergärten und Krankenhäusern, der Verkauf von Kirchen und Gemeindezentren, der Verlust kirchlicher Arbeitsplätze machen derzeit Schlagzeilen. Was marktstrategisch so logisch klingt, wird aber gesellschaftlich gravierende Folgen haben. Wer sorgt zukünftig noch für die Weitergabe christlicher Werte? Unsere Gesellschaft, unser Lebensgefühl hat sich in den vergangenen Jahren rapide verändert. Hinter dem Slogan vom Werteverlust oder Werteverfall verbirgt sich ein tiefgreifender Mentalitätswandel. Solidarität, also die Bereitschaft für andere Verantwortung zu übernehmen und Hilfe zu leisten, wird ausgetauscht gegen Individualität: eigenes, privates Glück und Karriere, private Vorsorge und Absicherung gegen Lebensrisiken.
Exemplarisch wird das deutlich am Werbeslogan eines großen Elektronikkonzerns. Jahrtausende lang galt Geiz als schäbiger, unsozialer und Gesellschaftsschädigender Charakterzug. Seit einigen Jahren ist Geiz nicht nur gesellschaftsfähig, sondern geil.
Nicht mehr als ein pfiffiger Werbeslogan, mag man einwenden, übersieht dabei aber, dass die Geiz-ist-geil-Mentalität sich unter uns in allen Bereichen breit gemacht hat. Das betrifft die Herstellung von Lebensmitteln und Konsumgütern genauso wie den sozialen Bereich. Gut ist, was dem Markt dient, so das Credo. Die unsichtbare Hand des Marktes ersetzt den unsichtbaren Gott, die Gebote der Weltwirtschaft ersetzen die zehn Gebote Gottes, die Wirtschaftsweisen sind die neuen Hohepriester. Der Tanz ums goldene Kalb dreht sich immer schneller.
Aber mit Geiz lässt sich keine Gesellschaft, keine Weltwirtschaft und auch keine Kirche bauen. Ohne die Prinzipien des solidarischen menschlichen Miteinanders wird jede Gesellschaft, jede Institution früher oder später zerbrechen. Noch mahnen die Kirchen, oft als anachronistische und verstaubte Relikte belächelt. Doch das Lächeln wird uns vergehen, wenn der Wecker auch sonntags klingelt und die Kirchen verstummen.
Geiz ist nicht geil
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