Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

28.03.07, 6.56 Uhr, Pastor Christoph Neumann

Renovierungen

Wer sich für die Zukunft rüstet, kann erstaunliche Entdeckungen über die Vergangenheit machen. Ich besuche eine alte Kapelle. Die ist wohl erst vor kurzem renoviert worden.

Die Decke zum Beispiel, leuchtet in einem hellen und frischen Weiß. Da entdecke ich in einer Ecke der Kuppel ein Gesicht, das wie eine Christusdarstellung aussieht. „ Bei den Renovierungsarbeiten“, so erklärt mir der Ortspfarrer, haben wir eine alte Freske an der Kuppel gefunden. Das einzige, was noch so gut erhalten war, sodass wir es restaurieren konnten, war dieses Gesicht. Keiner von uns hätte gedacht, dass wir solche Spuren der Vergangenheit hier einmal entdecken würden“

Sich auf die Zukunft einzustellen. Altes abzureißen und Neues aufzubauen. Das sind Themen, die uns auf Schritt und Tritt begegnen. Ob das die große Politik in Europa betrifft. Oder der Strukturwandel im Ruhrgebiet, in dem bald die letzten Stollen und Schächte geschlossen werden und es keinen Bergbau mehr gibt.

Oder ob es die Kirchen sind, die sich mit Veränderungen und Strukturreformen herumschlagen müssen, um für die Zukunft fit zu sein.

Dabei sind diese Themen gar nicht so neu und modern, wie wir vielleicht meinen. Schon in der Bibel wussten die Menschen, dass nicht alles bleiben kann, wie es ist. Und das nicht nur unsere Wohnungen nach ein paar Jahrzehnten renoviert werden müssen.

Zum Beispiel der König Josia. Der merkte, dass dem Tempel in Jerusalem etwas frische Farbe gut tun würde.  Bei diesen Renovierungsarbeiten entdeckte man eine alte Schriftrolle, in der Mose dem Volk Israel Gottes Gebote erklärte.

Diese Entdeckung sollte nicht nur für die Renovierung des Tempels weitreichende Folgen haben. König Josia und seine Verantwortlichen entdeckten mit dieser Rolle nicht nur ein altes Schriftstück, das Auskunft gab über das gottesdienstliche Leben im Tempel, sondern sie entdeckten die Wurzeln ihrer Frömmigkeit. Und diese Entdeckung führte nicht nur zu einer Reform der Frömmigkeit, sondern auch zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte des kleinen Volkes, über das der König Josia regierte.

„Zukunft braucht Herkunft“ so hat ein Soziologe unserer Zeit diese Erfahrung auf den Begriff gebracht. Um die Zukunft zu gestalten, müssen wir wissen, wo wir her kommen. Die Erinnerung an Gottes Taten. An Gottes Möglichkeiten hatten damals dem König Josia Mut gemacht. Neues anzupacken. Aber auch Altes abzureißen. Liebgewordenes loszulassen. Und auch Fehler einzugestehen. Schuld aufzudecken. Und nicht nur handwerkliche Fehler am Tempelbau.

Für die evangelischen Kirchen war eine Entdeckung in der Heiligen Schrift der Beginn einer großen Reform.  Die Entdeckung des unbedingt liebenden Gottes war es, die weitreichende Folgen nicht nur in der Frömmigkeit der Christen, sondern auch für das kulturelle und wirtschaftliche Leben mit sich brachten.

Das könnte uns Mut machen. Die Zukunft zu gestalten.

 

Audiobeitrag Renovierungen


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