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Wie wir einander sehen
Der berühmte Künstler und Bildhauer Michelangelo soll einmal mit einem Freund durch die Marmorbrüche von Carrara gegangen sein.
Er wollte seinem Bekannten diese großartige Fundgrube für sein künstlerisches Schaffen zeigen. Plötzlich, so wird berichtet, deutete er mit einem Ausruf des Erstaunens zum Steinbruch hinauf und sagte zu seinem Begleiter: Sieh mal, was für herrlicher Engel! Sein Freund blickte ratlos umher. Er konnte mit bestem Willen keinen Engel entdecken. Nur einen besonders weißen Marmorblock, der aus dem Steinbruch herausragte. Michelangelo besaß offenbar die Fähigkeit, schon in einem kantigen und unbehauenen Marmorblock das Kunstwerk zu sehen, das einmal aus diesem wertvollen Material werden würde.
Was diesem Künstler gegeben war, ist uns oft nicht geschenkt. Wir sehen in der Regel nur die Ecken und Kanten. Nicht nur von einem Marmorblock. Sondern auch von den Menschen, mit denen wir zu tun haben.
Die Frage, wie wir miteinander umgehen, hat ja viel damit zu tun, wie wir einander sehen. In einem Seminar kommt das Gespräch auf die Zeitgenossen, die uns oft das Leben schwer machen. Die gibt es ja überall. Besonders wer mit anderen Menschen zusammenarbeitet, der macht diese Erfahrung. Da gibt es immer auch Querdenker und Querschießer. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die anecken. Und da geschieht es immer wieder, dass wir uns aneinander wundreiben. Im Seminar gibt uns der Seminarleiter einen erstaunlichen Tipp, um mit diesem Problem besser um zu gehen: Sehe ich nur die Ecken und Kanten meines Mitmenschen, oder sehe ich ihn von seinem Ziel her? Also von seiner Bestimmung. So, wie Gott ihn sich gedacht hat. Ich kann in ihm einen Störenfried sehen, der Unruhe bringt. Ich kann aber auch einen Schatz in ihm sehen, der entdeckt und gehoben werden soll.
Könnte es nicht sein, dass gerade der Querdenker, oder gerade die, die immerwieder mit sperrigen Gedanken anecken, auf Qualitäten hinweisen, die wir noch nicht entdeckt haben?
Oft verbergen sich hinter solchen Leuten Personen, die Visionen haben, die voller Ideen und Energien sind. Vielleicht sind ihre heftigen und scharfen Reaktionen nur der ungeduldige Ausdruck einer kreativen Energie, die sich danach sehnt, zum Zug zu kommen. Und unsere gemeinsame Aufgabe müsste es sein, einander zu helfen, das, was Gott in uns hineingelegt hat, zu gestalten. In der Bibel heißt es: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn Das heißt doch, dass jeder von uns ein Mensch mit einem unschätzbaren Wert ist. Und das Gott uns offenbar so anschaut, wie Michelangelo den Marmorblock in Carrara. Er sieht das, was wir noch nicht sehen. Sicher, wenn wir versuchen, einander so zu sehen, wird es im Umgang miteinander trotzdem immer noch hart auf hart gehen Wir werden uns aneinander reiben. Aber wir werden uns nicht mehr aneinander wundreiben müssen.
Und es kann sein, dass am Ende meine schwierigsten Mitmenschen zwar keine Engel, aber vielleicht zuverlässige und hilfreiche Partner und Kollegen sind.
Wie wir einander sehen
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