Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.03.07, 7.50 Uhr, Pastor Christoph Neumann

Die kleinen Anfänge achten

Es ist gut, wenn wir die kleinen Anfänge nicht verachten. Denn manchmal kommt die Hilfe, wenn wir sie brauchen, in ganz geringer und unscheinbarer Gestalt daher.

Und erst nach und nach merken wir, was für eine große Wirkung ein kleiner Anfang haben kann. So erzählt es eine alte Parabel: Ein hoher Beamter fiel einst bei seinem König in Ungnade. Der ließ ihn im obersten Raum eines Turmes einkerkern. Nach langer Zeit, als er aus dem Fenster schaute, entdeckte er einen kleinen Käfer durchs Fenster krabbeln. Der Käfer zog einen hauchdünnen Seidenfaden hinter sich her. Der Mann löste den Seidenfaden behutsam und zog ihn vorsichtig zu sich empor.

An dem Seidenfaden war ein dünnes Garn gewickelt. Am Garn ein starker Zwirn. Am Zwirn eine feste Schnur. Und an der Schnur ein dünnes Seil. Am Seil entdeckte er ein starkes Tau, das schließlich bis zum Boden reichte. So konnte er hinunterklettern und war frei. Seine Frau hatte ihn mit dem kleinen Käfer, den sie mit einem Lockmittel an den Fühlern, an den Turm gesetzt hatte, gerettet.

Man muss ja nicht in einem Turm eingekerkert sein, um sich nach Hilfe und Freiheit zu sehnen. Manchmal fühlen wir uns in uns selbst wie in einem Kerker gefangen. Wir möchten dann aus uns selbst heraus kommen. Allerdings: ohne Hilfe von außen ist das oft schwer.

Dabei kann es sein, dass es kleine und unscheinbare Hilfsangebote gibt, um den Weg zu neuen Freiheiten zu finden. Oft genug sind solche Hilfsangebote der Anfang einer Befreiungsgeschichte, wenn wir sie aufgreifen und wir bereit sind, Entwicklungen zuzulassen.

Ich denke an Ralf. Wir kennen uns seit unserer Studienzeit. Lange Jahre haben wir uns nicht gesehen. Und dann treffen wir uns auf einer Veranstaltung wieder. Ich bin überrascht, wie er da vor mir sitzt. So ganz anders, als ich ihn in Erinnerung habe. „ Du hast dich ganz schön verändert!“ rutscht es mir raus.

„Kann schon sein“ sagt er. „  Weißt du, an einem runden Geburtstag aber habe ich einen Entschluss gefasst: Ich will mich nicht mehr vor Menschen fürchten! Einer der Gäste hat mir damals auf die Geburtstagskarte einen Vers aus der Bibel geschrieben.. Da heisst es: ‚ Der Herr ist mir mir. Darum fürchte ich mich nicht. Was können mir Menschen tun?’ Dieser kleine Vers begleitet mich seitdem, wie ein roter Faden in meinem Leben. Ich versuche mich daran festzuhalten. Und ich probiere aus, ob diese Zusage hält. Oft sind es ja die kleinen Dinge im Leben, in denen wir unsere Freiheit verloren haben und sie wieder neu einüben müssen. Das kann die Angst sein, sich vor Menschen  hinzustellen und zu sagen, was einem wichtig ist. Es kann die Furcht sein, eine Person anzurufen, um eine unangenehme Sache zu klären. Oder die Sorge sich zu blamieren. Sich nicht richtig zu verhalten in einer ungewohnten Gesellschaft.

“Der Herr ist mit mir. Darum fürchte ich mich nicht. Was können mir Menschen tun?“. Hinter diesem kleinen Vers aus der Bibel steckt eine große Hilfe. Es ist nur wichtig, dass ich daran festhalte. Und die Geduld nicht verliere. Nicht mit mir und auch ncht mit meinen Mitmenschen.

Audiobeitrag Die kleinen Anfänge achten


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