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Jesu, meine Freude
Die Tür fiel schwer ins Schloss. Das Dröhnen der Soldatenstiefel auf dem nassen Pflaster des Marktplatzes wurde leiser. Mit schweren Schritten stieg er die Treppe hinauf.
Die Tür fiel schwer ins Schloss. Das Dröhnen der Soldatenstiefel auf dem nassen Pflaster des Marktplatzes wurde leiser. Mit schweren Schritten stieg er die Treppe hinauf. Er zog den Mantel aus und setzte sich an den Eichentisch neben dem Fenster. Auf den Pferdewagen lagen Verletzte, die vor Schmerzen manchmal jammernd, manchmal schreiend vorüber fuhren. Auch in der Kirche drüben waren verletzte Soldaten untergebracht. Lange schaute der Mann hinaus auf den kleinen Friedhof neben der Kirche mit dem schmiedeeisernen Kreuz. Dann nahm er Tintenfass und Feder vom Schrank und begann zu schreiben:
Choral: Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier, ach wie lang, ach lange Ist dem Herzen bange und verlangt nach dir!Gottes Lamm, mein Bräutigam, Außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden. Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier, ach wie lang, ach lange Ist dem Herzen bange und verlangt nach dir! Gottes Lamm, mein Bräutigam, Außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden. Johann Franck, aus dessen Feder dieses Lied stammt, wurde 1618 geboren, in dem Jahr, in dem der dreißigjährige Krieg begann. Als er seinen dreißigsten Geburtstag feierte, hatte er noch keinen einzigen Tag Frieden erlebt. Wer so lange den Krieg um die Ohren hat, der sehnt sich nach Ruhe. Nach einem Ort, wo man sich ausruhen kann und keine Angst haben muss.
Für den ostdeutschen Dichter aus der Niederlausitz war damals der Glaube an Jesus der Ort, wo er Ruhe und einen Lebensraum zum Aufatmen fand. Von diesem Lebensraum wird in idyllischen Bildern erzählt: Von einer Weide im Herzen. Und der Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Es gibt Zeiten, da brauchen wir solche Rückzugsorte.
Auch heute. Es gibt Zeiten, da habe ich genug, von den Katastrophen und Unglücken, die ich täglich zu sehen bekomme. Durch Fernsehen und Radio, die mir die Welt ins Wohnzimmer bringen. Und eben nicht nur die schönen Seiten, sondern oft die Schattenseiten des Lebens. Von Stürmen, Erdbeben und Überflutungen , die uns in Schrecken versetzen. Horrorvisionen für die Zukunft, die uns nicht in Spielfilmen, sondern in den Nachrichten entgegenflimmern. Wie soll man das alles verkraften?
Da ist es nötig, auch einmal die Augen zu schließen. Sich auf das zu konzentrieren, was uns an Hoffnungsvollem bleibt. Sich unter den Schutz eines Stärkeren zu bergen, wie ein Kind bei Blitz und Donner Zuflucht sucht in den Armen der Eltern. Dann hilft es mir, mich einzuhüllen in die Worte von Johann Franck.
Sprecherin: Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken
Der dreißigjährige Krieg und die Erfahrungen eines Johann Franck liegen heute weit zurück. Vieles ändert sich. Die Verhältnisse. Und auch wir selbst. Und manchmal auch die Lieder, die wir singen und die uns helfen zu überleben.
DDR 1987. Auf dem Platz vor der Kirche haben sich etwa tausend Demonstranten versammelt. Meist sind es Jugendliche. Die Volkspolizei hat Absperrungen aufgebaut und wartet dahinter mit Schlagstöcken. Als einige der Jugendlichen die Absperrungen durchbrechen wollen, kommt es zu Auseinandersetzungen. Etwa 200 Demonstranten werden verhaftet. Die Jugendlichen reagieren mit Rufen: Die Mauer muss weg!. Lang lebe Freiheit und Demokratie. In diesen Tagen entsteht ein neuer Text für ein altes Lied:
Choral: Jesu, meine Freude, meines Herzens WeideJesu, wahrer Gott. Wer will dich schon hören? Deine Worte stören den gewohnten Trott. Du gefährdest Sicherheit! Du bist Sand im Weltgetriebe. Du, mit deiner Liebe.
Der Liederdichter Gerhard Schöne wurde 1952 in der DDR geboren. Er hat diese Zeit erlebt. Verhaftungen. Einschüchterungen. Schlagstöcke. Aber er hat auch erlebt, welche verändernde Kraft der Glaube an Christus mit sich brachte. Denn dann geschahen diese unbegreiflichen Wandlungen.
Die Mahngottesdienste und Osterdemonstrationen von Christen. Der Fall der Mauer.Menschen verspürten plötzlich eine Kraft in sich, die ihnen Mut machte, auf die Straße zu gehen. Eine Kraft, die bei vielen aus der Erinnerung an den auferstandenen Christus erwächst. Der Christus, der durch den Glauben zu einem Begleiter wird, für den keine Grenze und keine Mauer unüberwindbar sind. Es war auch die Kraft der Liebe, die dazu führte, dass kein Blut floss, dass Verhaftungen und Verhöre, Drohungen und Einschüchterungen nicht verhindern konnten, dass ein neues, freies Leben sich durch Wände uns Mauern hindurch Raum verschaffte.
Choral: Du warst ingemauert. Du hast überdauert Lager, Bann und Haft.Bist nicht tot zu kriegen! Niemand kann besiegen Deiner Liebe Kraft. Wer dich foltert und erschlägt Hofft auf deinen Tod vergebens, amenkorn des Lebens!
Es gibt Zeiten, da gilt es mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.Das müssen keine großen politischen Umwälzungen sein. Das kann auch der ganz normale Alltag sein. Mit den vielen kranken Stellen im Leben. Die Zeiten, in denen wir meinen, unsere Träume begraben zu müssen. In denen wir auf taube Ohren stoßen. Die Zeiten, in denen wir leiden unter den Schlägen, die uns das Leben zufügt. Und manchmal, - was viel schlimmer ist, die Wunden, die uns Menschen schlagen, mit denen wir zusammenleben müssen.
Da ist es wichtig, Mut zu schöpfen, um Widerstand zu leisten. Da gilt es dann, nicht zu resignieren vor tauben Ohren. Nicht zurück zu weichen. Da gilt es, die verloren gegangenen Träume zu wecken. Und durch den Glauben an Christus neuen Mut zu schöpfen. In dem Wissen, nicht allein zu sein und einen starken Helfer an der Seite zu haben. Für solche Zeiten gibt es die Version von Gerhard Schöne. Da wird ein Lied zu einem Gebet. Ein Gebet mit der Hoffnung, dass es uns, - und vielleicht sogar ein wenig, die Welt in der wir leben, verändert.
Choral: Jesu, Freund der Armen, groß ist dein Erbarmenmit der kranken Welt. Herrscher gehen unterTräumer werden munter, die dein Licht erhellt.Und wenn ich ganz unten bin, weiß ich dich an meiner Seite! Jesu, meine Freude.
Das war Kirche in WDR 3. Es sprach Pfarrer Christoph Neumann aus Iserlohn über die Motette Jesu, meine Freude von Johann Sebastian Bach nach einem Text von Johann Frank und über eine Neubearbeitung von Gerhard Schöne. Es sang der Jugendchor Wernigerode unter der Leitung von Friedrich Krell.
Jesu, meine Freude
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