Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.03.07, 5.56 Uhr, Pfarrerin Kerstin Hanke

In Sachen Ordnung

Meine Mutter kommt zu Besuch. Immer wenn sie sich ankündigt, bekomme ich eine Krise. Meine Mutter und ihre Vorstellung von Ordnung, das sind zwei Dinge,

die einfach nicht zu meiner Wohnung passen. Ich mache mir eine Liste: "Abwaschen!" "Klamotten in die Schränke!!" "Zettel zurück in die Ordner!!!" "Dieses Regal endlich bauen oder verbrennen!!!!" Ich spiele ein paar Stunden Ordnungswahnsinn. Am Ende öffne ich stolz die Wohnungstür. Meine Mutter schaut sich um und sagt: "Kind! Du hättest ruhig mal aufräumen können. Es ist doch gar nicht so schwer: Tu alles einfach wieder da hin, wo du es hergenommen hast." Warum ist das so? Warum kann sie nie sagen: Siehe, alles ist gut! Das sagt selbst Gott am Ende eines jeden Tages, als er aus dem Chaos die Welt schuf.

Ich glaube, dass da zunächst auch noch einiges drunter und drüber ging, bevor das alles seine Ordnung hatte mit Sonne, Mond und Sternen, mit all den Tieren, Pflanzen und Menschen. Aber am Ende eines jeden Tages stand da die Bilanz: Es ist gut. Das habe ich in den Griff gekriegt. Ob Gott sich so motiviert hat, den nächsten Ordnungstag anzugehen? Ich fasse einen Entschluss: Ich will ordentlicher werden. Deshalb kaufe ich verschiedene Ratgeber: „Ordnung ist möglich. Einfach aufgeräumt. Entrümpeln mit dem inneren Schweinehund. Wege aus der zwanghaften Unordnung.“

Sie alle versprechen mir eines: Ich werde mich glücklicher und befreiter fühlen. Ich werde Ballast abwerfen, Zeit gewinnen, Beziehungen vertiefen. Ich werde gar ein ganz neuer Mensch. Das macht mich misstrauisch. Will ich das denn überhaupt? Schließlich habe ich den größten Teil meines Lebens damit zugebracht, mich mit mir zu versöhnen. Dennoch fange ich an, systematisch meinen Kleiderschrank zu sortieren, Altpapierstapel zu entsorgen, überflüssige Dinge fortzugeben. Das hilft. Die Wohnung wird klarer, übersichtlicher. Bis zu einem gewissen Punkt. Da komme ich gegen meine Trägheit und Konditionierung nicht an. Da bleibt die Kramschublade und die Ecke im Flur, wo sich Taschen und Schuhe ansammeln. Aber!  Siehe, es war gut so. Die Ratgeber waren allesamt nicht so schlecht. Aber eigentlich hätte ich auch nur auf meine Mutter hören sollen. Das hatte sie mir schon immer gesagt.

An diesem Punkt begriff ich mein Kernproblem. Ich muss mich mit meiner Mutter versöhnen. Denn eigentlich ging es ja nicht darum, wie ordentlich meine Wohnung tatsächlich war, sondern dass ich ein Mensch geworden war, der anders war, als die Tochter, die sich meine Mutter gewünscht hatte. Und das war eigentlich immer ihre Botschaft, wenn sie meine Wohnung betrat. Ich wollte nach meinen Ordnungsanfällen belohnt werden. Sie aber konnte das gar nicht, weil sie dann ihren Rest von Illusion, dass ich mit ihrem Ordnungssystem eine andere wäre, hätte aufgeben müssen.

Stück für Stück räume  ich meine Beziehung zu meiner Mutter auf  Es gibt das schöne Jesuswort, was siehst du den Splitter im Auge deines Nächsten und den Balken in deinen eigenen siehst du nicht? Das half mir in dieser Zeit großherzig zu sein, wenn mir ein Satz meiner Mutter übel aufstieß. Denn es hat Zeit und viele Gespräche gebraucht, bis wir beide von unseren Verhaltensmustern absehen konnten. Und wir uns gegenseitig sagen konnten, so wie du bist, so ist es gut. 

Mittlerweile lebt meine Mutter in einer Seniorinnenwohnung. Gebrechlich wie sie ist, nimmt sie heute es mit der Ordnung nicht mehr ganz so genau. Wenn ich sie besuche, rutscht mir schon mal der Satz raus: „Mutter, du hättest ruhig mal aufräumen können.“ Und dann lächelt sie ihr schönstes Lächeln.  

Audiobeitrag In Sachen Ordnung


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