Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.03.07, 8.05 Uhr, Pfarrer Henning Theurich

Plädoyer für Demut

„Hochmut kommt vor dem Fall“ – in diesem Sprichwort hat sich die Erfahrung niedergeschlagen, dass sich kaum jemand überheblich oder anmaßend aufspielen kann,

ohne über kurz oder lang auf die Nase zu fallen. Und je höher jemand steigt, desto tiefer der Fall.

Eigentlich wäre es nur folgerichtig, wenn es auch ein Sprichwort gäbe für jemanden, der seinen Hochmut auf so unsanfte und schmerzhafte Weise verlieren musste, etwa: „Demut kommt nach dem Fall.“ Aber ein solches Sprichwort gibt es nicht, und das liegt wohl daran, dass dem keine Erfahrung entspricht: wer früher seine Nase hochmütig in die Luft steckte und jetzt eben auf dieser seiner Nase liegt, der muss dadurch noch lange nicht demütig geworden sein. Er ist vielleicht   empfindlich gedemütigt worden, aber gerade deshalb wird er es wahrscheinlich ablehnen, von jetzt an nicht mehr hochmütig, sondern demütig zu sein. Demut kommt nicht unbedingt nach dem Fall.

Guten Morgen liebe Hörerinnen und Hörer, ich bin Henning Theurich, evangelischer Pfarrer aus Bonn. Ich frage mich, woran es eigentlich liegt, dass heute das Wort Demut meist nach religiöser Sondersprache schmeckt, wenn es denn überhaupt noch gebraucht wird? Ganz anders als das negative Gegenstück: Hochmut! Wer verbindet heute noch etwas Positives mit dem Wort Demut? Früher wurde mit dem Wort eine christliche Tugend  bezeichnet: „Armut und Demut führen zum Himmel“. Heute ist es fast ganz aus der Umgangssprache verschwunden.

Ich habe in Wörterbüchern nachgeschlagen, um etwas über Demut zu erfahren. Aber wo im Alphabet „Demut“ erscheinen müsste, da stand meist das Wort „Demokratie“, die „Demut“ fehlte ganz einfach. Das muss jetzt nichts bedeuten. Aber man kann hier auch einen Zusammenhang sehen – ganz unabhängig vom Wörterbuch: Demokratie steht heute an der Stelle von Demut. Demut ist keine politische Tugend mehr. Demut ist in der Demokratie unangebracht, jedenfalls so, wie sie der Duden erklärt: nämlich als „Ergebenheit und die Bereitschaft, sich zu unterwerfen.“ Das klingt ja noch harmlos; es kommt noch kräftiger: Demut ist verrufen als Untertanengeist und Knechtsgesinnung, stets bereit, sich zu ducken, sich entmündigen zu lassen; lieber blind zu gehorchen, als selber nachzudenken und vielleicht sogar Nachteile in Kauf zu nehmen. Ja, wenn es sich tatsächlich so mit der Demut verhält, dann hat sie allerdings mit Recht keinen Platz, weder in einem  politischen Gemeinwesen, noch in einer christlichen Gemeinde. Wenn es so ist, dass Demut gleichzusetzen ist mit einem grundsätzlichen Mangel an Mut und Zivilcourage, dann sollten wir sie in der Tat ersatzlos streichen, nicht nur aus dem Wörterbuch, sondern aus dem Leben.

Aber so einfach ist es mit der Demut nicht. Ich will die in Verruf geratene Demut in Schutz nehmen und sie mit dem Theologen Klaus Reblin verstehen als „Gottescourage“: Demut als ein in Gott begründeter Mut, Widerstand zu leisten gegen alles, was Leben zerstören will. Ich beziehe mich dabei auf eine Stelle im Jakobusbrief  im Neuen Testament, wo es heißt:

Sprecherin: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So seid nun Gott untertan … Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch.“

Autor: Wichtig ist mir daran zuerst, dass von Demut offenbar nur im Verhältnis eines Menschen zu Gott die Rede ist. Nur Gott kann Demut beanspruchen, wie auch nur Gott sie geben kann. Demut ist die Haltung von Menschen, die sich in Gottes Nähe wissen, und die aus der Nähe Gottes ihren Mut zum Leben bekommen.

Demut ist der aus der Nähe Gottes begründete Mut, der erbetene und geschenkte Mut zum Leben, eben die Gottescourage. Diesen Mut braucht jeder, allein schon dann, wenn er sich morgens entschließt aufzustehen und sich den Forderungen des Tages zu stellen. Diesen Mut kann niemand sich selber geben; er ist ein Geschenk, dessen Wert jemand erst dann erkennt, wenn er ihm fehlt, wenn er eines Tages so grundlos ausbleibt, wie er jedem ohne Grund geschenkt wird. Hochmut dagegen beginnt genau dort, wo jemand meint, er habe den Mut zum Leben in sich selber, in seiner Lebensfreude, in seiner Vitalität, in seiner Tüchtigkeit, in seiner Gesundheit; denn Hochmut ist nichts anderes als ein Mut zum Leben, der sich auf Dinge wie in der Redensart stützt: „Es geht mir gut, denn ich bin fleißig, darum habe ich auch Mut zum Leben.“ Hochmut ist Mut, der sich auf sich selber gründet, und der darum letztlich unbegründet ist; denn woher nehme ich den Mut zum Leben, wenn vieles von dem, was von mir abhängt, plötzlich wegfällt? Es muss ja nicht gleich der schlimmste Fall eintreten, wie Martin Luther ihn in seinem Lied benennt: „nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib …“. Woher nehme ich den Mut zum Leben, wenn um mich herum und auch in mir selber vieles entmutigend und enttäuschend ist? Der Jakobusbrief  rät: „Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch.“ Aus der Nähe Gottes gibt es neuen Mut, Gottescourage, und das ist Demut.

Niemand anders als Gott kann verlangen, demütig zu sein, weil nur Gott Menschen wirklich demütig macht, ohne sie zu demütigen. Es war für das Verständnis von Demut verhängnisvoll, als nicht mehr deutlich wurde, dass von Demut nur im Verhältnis zu Gott die Rede sein darf. Es kamen Könige und Fürsten, Diktatoren und Obrigkeiten, die verlangten von ihren Untertanen Demut. Und sie taten dies oft im Namen Gottes und im frommen Gewand, um ihre Forderung nach Unterordnung und Unterwerfung besser durchzusetzen. So entstand jene negative Bedeutung von Demut, die wir heute mit Recht ablehnen. Sie ist die Folge einer Verschiebung, die einem Erdrutsch gleichkommt, weil dabei Gott verloren ging.

Aber es waren nicht nur weltliche Herrscher, die auf diese Weise der wahren Demut schadeten und sie in Verruf brachten, sondern es waren auch die Kirchen selber und ihre Oberen, die vom gemeinen Kirchenvolk Demut forderten – natürlich in erster Linie Gott gegenüber, aber zugleich auch sich selbst gegenüber als den Vertretern Gottes auf Erden. Wer sich weigerte, sich unbotmäßig zeigte, der wurde eben gedemütigt: entehrt, exkommuniziert, gefoltert, verbrannt. Darum sollte heute niemand mehr vergessen, dass es Demut nur Gott gegenüber geben darf. Alles andere ist Missbrauch; denn darin liegt ja der Unterschied zwischen den Gewaltigen der Welt und Gott: jene können nur auf eine erniedrigende, beleidigende und entwürdigende Weise demütigen. Gott dagegen demütigt, indem er Menschen die Würde verleiht, die Gott seinem Ebenbild zugedacht hat.

Sprecherin: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“,

Autor: so heißt es im Magnifikat, dem Lobgesang der Maria. Demut ist der Mut, der in Gottes Nähe geschenkt wird: die Gottescourage. Weil Gott mir nahe ist, darum bin ich mutig. Dieser Mut widersteht allem, was mit göttlichem Anspruch auftritt, ohne doch Gott zu sein. Dieser Mut leistet Widerstand gegen alles, was sich anmaßt, an Gottes Stelle zu sein, damit ich mich unterwerfe. Demut leistet Widerstand gegen alles, was von mir eine unterwürfige und demutsvolle Haltung verlangt. Demut leistet Widerstand gegen Sklavenhaltung und Knechtsgesinnung, die immer vorschnell bereit ist, alles hinzunehmen als Schicksal und Gottes Willen, wogegen man dann auch nichts machen kann. Ich meine, wenn es jemals wieder zu einem guten und verständlichen Gebrauch des Wortes Demut kommen soll, dann nur, wenn diese aktive und widerständige Seite der Demut nicht unterschlagen wird. Also weg von einem nur scheinbar frommen Sprachgebrauch, der uns vorschnell empfiehlt, „allzeit zum Dulden, Tragen bereit“ zu sein „voll Demut, sanft und milde“ – wie es in einem Kirchenlied von Philipp Spitta heißt. Wie sollte auch Demut „sanft und milde“ in der Lage sein, Widerstand zu leisten gegen Anmaßung, Dummheit und Zerstörung. Nein, Demut „sanft und milde“ schlägt niemanden in die Flucht, schon gar nicht den Teufel, wenn der immer noch daherkommt mit Hochmut wie zur Zeit Jesu. Wahre Demut schweigt nicht zu Unrecht und Unterdrückung, sondern sie macht’s Maul auf und protestiert. Wahre Demut lässt sich auch nicht täuschen durch den Augenschein, sondern sie ist neugierig und will wissen, wo die Gründe liegen und wie es sich denn wirklich verhält. Demut ist nicht feige, sondern weiß sich getragen von dem nahen Gott. Darum leistet sie Widerstand gegen alles, was uns entmutigen, was uns demütigen will.

Im Brief des Jakobus heißt es:

Sprecherin: Jammert und klagt und weint; euer Lachen verkehre sich in Weinen und eure Freude in Traurigkeit. Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen.

Autor: Das klingt nicht gerade nach einem Plädoyer für die Demut, eher im Gegenteil; das klingt düster und riecht nach Sack und Asche. Als wäre der Autor des Jakobusbriefes ein Miesmacher. Aber der Eindruck täuscht. Wer so deutlich zum Widerstand auffordert gegen alles, was mutlos macht, der kann niemand sein, der einem die Stimmung verderben will. Und was hier so düster klingt, das fordert uns in Wahrheit auf standzuhalten. Denn Widerstand leisten und Standhalten, das sind die beiden starken Seiten der Demut: standhalten auch im Leid, in der Klage, in der Trauer. Dazu gehört tatsächlich großer Mut, eben Demut. Dazu gehört auch der Mut, der Angst vor den eigenen Gefühlen nicht auszuweichen, nicht zu fliehen in eine Betriebsamkeit, die anderen weismachen will, es sei alles nicht so schlimm, man sei doch kein Kind von Traurigkeit. Wir wissen heute, wie wichtig es für seelische Gesundheit ist, auch Gefühlen, die wehtun, nicht auszuweichen. Wer einen Menschen verloren hat, der eng zu ihm gehörte, der trauert, der ist so schwer verletzt wie nach einer Amputation; die Wunde heilt zwar, aber nur langsam - und der Verlust bleibt.

Widerstand leisten und Standhalten – beides gehört zur Demut als dem von Gott geschenkten Mut, den wir zum Leben brauchen wie das tägliche Brot; zu einem Leben, das allem widersteht, was mutlos machen will, zu einem Leben, das auch im Ansturm der Gefühle standhält. In der Bibel steht: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“. Ja, Demut ist selber schon Gnade, Geschenk aus Gott: Gottescourage.

Was Demut heute bedeuten kann, das finde ich gut ausgedrückt in dem so genannten „Gelassenheits – Gebet“ von Reinhold Niebuhr, einem amerikanischen Theologen deutscher Abstammung. Er schrieb es für einen von ihm im Jahre 1943 gehaltenen Gottesdienst in einer Dorfkirche. Heute ist es weltweit bekannt.

Sprecherin: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen,
die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern,
die sich ändern lassen
und die Weisheit,
das eine vom andern zu unterscheiden.

Autor: Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Ich bin Pfarrer Henning Theurich und komme aus Bonn.

 

Audiobeitrag Plädoyer für Demut


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