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Sollt ich meinem Gott nicht singen?
Es kommt darauf an, wie wir unser Leben sehen. Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!Wir können unsere Fehler und Mängel in den Vordergrund stellen und zunächst
das sehen, was uns misslingt und was uns schwer fällt. Wir können darüber grübeln und klagen, dass wir an einer Krankheit oder einer Behinderung leiden. Wir können darüber klagen, dass nicht alles so geworden ist, wie wir uns das gewünscht haben. Der Berufswunsch ließ sich nicht verwirklichen. Der Kinderwunsch hat sich nicht erfüllt. Manches ist so gekommen, dass man sich täglich darüber ärgert.
Von den siebzig Lebensjahren des Lieddichters Paul Gerhardt waren drei Jahrzehnte vom Kriegsgeschrei des 30jährigen Krieges erfüllt. Todeserfahrungen bestimmten seinen Lebensweg; im engsten Familienkreis hielt der Tod eine reichliche Ernte. Viele Unsicherheiten und Kränkungen hat er erfahren und erdulden müssen. Und doch blickt er darauf, wie viel Gutes er von Gott in seinem Leben erfahren hat. Sollt ich meinem Gott nicht singen und ihm dankbar sein?, so fragt er sich. Denn er sieht in seinem Leben immer wieder das freundliche Führen Gottes.
Sprecherin: Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut ers mit mir mein. Ist doch nicht als lauter Lieben, das sein treues Herze regt, das ohn Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lied in Ewigkeit.
Obwohl Paul Gerhardt Lebensgeschichte alles andere als das große Glück war, singt er von der Dankbarkeit. Fügt er sich nur geduldig in die Schicksaale seines Lebens? Nimmt er es nur einfach hin, weil er auf ein besseres Leben nach dem Tod bei Gott hofft? Ich glaube, so einfach ist das nicht. Es ist der Blick auf sein Leben, der die Spuren Gottes nicht übersieht. Dieser Blick macht ihn dankbar. Es sind - zugegeben - Spuren, die leicht übersehen werden können. Es sind nämlich die ganz elementaren Dinge: zum Beispiel: Dass er beschützt war schon im Mutterleib. Aber, das ist doch selbstverständlich, könnte man meinen. Tatsächlich ist es so selbstverständlich nicht. Wer weiß nicht von Kindern, die schon im Mutterleib Schaden nahmen? Wer weiß nicht, dass für Kinder die Geburt auch eine große Gefährdung ist?
Sprecherin: Wie ein Adler sein Gefieder über seine Jungen streckt, also hat auch hin und wieder mich des Höchsten Arm bedeckt, alsobald im Mutterleibe, da er mir mein Wesen gab und das Leben, das ich hab und noch diese Stunde treibe. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.
Das Leben an sich ist ein Wunder. Das Leben an sich ist eine Gabe, die Gottes Liebe zu uns Menschen erkennbar macht. In seinem Testament dankt Paul Gerhardt Gott "zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat. Aus dieser Dankbarkeit heraus bittet er Gott, "er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen (und) meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen. In der Kirche in Lübben hängt ein großes Gemälde von ihm. Dort steht: Paul Gerhardt, der Theologe, erprobt im Sieb des Satans, danach fromm gestorben im Jahr 1676, im 70. Lebensjahr.
Sollt ich meinem Gott nicht singen?
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