Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.03.07, 8.56 Uhr, Albrecht Philipps

O Haupt voll Blut und Wunden

Das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“, liebe Hörerinnen und Hörer, ist das bekannteste deutschsprachige Passionslied. Es hat heute über alle Konfessionsgrenzen hinweg

einen festen Platz in den Gesangbüchern der Kirchen. Paul Gerhard hat es im Jahr 1656 gedichtet. Besonders an Karfreitag wird es gesungen. Jeden Freitag, also auch heute, werden wir an diesen Karfreitag erinnert, den Tag, an dem Jesus auf Golgatha am Kreuz stirbt.

Sprecherin:
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
gegrüßet seist du mir!

So, als wären wir selbst dabei, als Jesus gekreuzigt wird. So wird diese Szene beschrieben. Wir erleben hautnah mit, wie Jesus gelitten hat und dass er für uns gelitten hat. Das Interesse an seiner Person und an seinem Leiden rücken nun in den Vordergrund. Wie war das genau auf Golgatha? Wie hat Jesus gelitten, und wer hat was getan? Und vor allem: Was für Gefühle ruft das hervor, damals und heute bei uns?
Heute sind wir gegen Bilder der Gewalt abgestumpft. Sie überfluten uns täglich und reizen uns kaum noch, weder zum Mitleid noch zur Empörung. Der Anblick eines geschundenen Menschen ist fast normal geworden. Dass Jesus am Kreuz gequält wurde, dass es eine schlimme Folter war, das wissen wir zwar. Aber wir wollen das nicht so ganz realistisch vor Augen haben.
Diesen so gepeinigten Jesus am Kreuz sollen wir grüßen. Ich soll ihn grüßen, über alle Grenzen von Zeit und Raum hinweg. Denn ich steh’ ihm gegenüber. Ich steh’ ihm gegenüber so wie die römischen Soldaten ihm gegenüber standen und ihm eine Dornenkrone aufsetzten, um ihn damit zu verspotten. Sie grüßten ihn mit spöttischem Ton: „Gegrüßet seist du, der Juden König.“

Anders als heute war früher der Tod etwas, auf das man sich vorbereiten sollte. Den plötzlichen Herztod, den Sekundentod oder das unbemerkte Sterben im Schlaf, das wünschen sich heute viele Menschen. Damals aber war es wichtig, im Sterben sich auf das neue Leben bei Gott einzustellen. Das eigene Sterben wurde direkt mit dem Sterben Jesu verbunden. Und darin liegt ja auch etwas ungemein Hoffnungsvolles: denn so, wie Jesus nicht im Tod geblieben ist, so werden auch wir durch den Tod hindurchgehen zu Gott. Diese nicht zu beweisende Glaubentatsache ist der Mittelpunkt des christlichen Glaubens.
Auch bei Paul Gerhardt werden das Sterben Jesu an Karfreitag und das Sterben jedes Menschen, also auch mein Sterben, aufeinander bezogen. Dabei steht im Hintergrund der mittelalterliche Brauch, dem Sterbenden ein Kreuz vor Augen zu halten, um auf den sehen zu können, der den Schrecken des Todes ausgehalten hat. Denn der Tod ist kein Fallen ins Nichts, sondern ein Übergang, indem ich mich ganz Christus hingebe.

 

Sprecherin:
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir;
wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür;
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein.

Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Audiobeitrag O Haupt voll Blut und Wunden


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