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Gerechtigkeit und Friede sollen sich küssen
1983 begann ich mein Theologiestudium. Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Weitere Atomwaffen sollten in Westeuropa stationiert werden. Die Militärstrategen sprachen von einem
auf Europa begrenzten Atomkrieg. Es ging hoch her. Im Friedenskreis der Studentengemeinde hielten wir uns auf dem Laufenden, diskutierten hitzig, organisierten Mahnwachen und feierten Friedensgottesdienste. Das war nicht die Zeit, in der uns die alten Choräle gefielen. Einer jedoch schon. Nämlich dieses Friedenslied von Paul Gerhardt:
EG 283, 1) Herr, der du vormals hast dein Land mit Gnaden angeblicket und des gefangnen Volkes Band gelöst und es erquicket, der du die Sünd und Missetat, die es zuvor begangen hat, hast väterlich verziehen.
Mag sein, Paul Gerhardts Worte haben unseren Nerv getroffen, weil wir spürten: Der weiß, wovon er spricht. Paul Gerhardt hat die Folgen des 30jährigen Krieges vor Augen, als er diese Verse 1653 niederschreibt: Die zerstörten Häuser, die hungrigen, an Leib und Seele verkrüppelten Menschen, die zahllosen Gräber. Diese Schreckensbilder wird er nie wieder los. Noch Jahre später nicht. Friede ist noch lange nicht, auch wenn nicht mehr gekämpft wird. Nicht allein die Häuser, auch die Gewissen und das Zusammenleben sind ruiniert. Als die Waffen schweigen, werden die Fragen laut: Wie können wir weiter leben? Wer hat Schuld? Wie kann man nach dem großen Morden wieder zusammen leben?
Gewiss haben selbst Paul Gerhardt bisweilen die Worte gefehlt. Vielleicht hat er in solchen Momenten seine Bibel aufgeschlagen und diese Worte aus dem 85. Psalm gefunden:
Herr, der du vormals gnädig gewesen bist deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs, der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und alle seine Sünde bedeckt hast. Willst du uns denn nicht wieder erquicken? Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.
Wenn ich die Augen schließe, kann ich immer noch in die gute Stube meiner Kindheit eintreten. Am alten Kohleofen steht meine Großtante und wienert die Herdplatte blitzblank. Eine graue Strähne aus dem Dutt fällt ihr ins Gesicht. Im hohen Lehnstuhl thront mein Großonkel, seine Krücken an die Wand gelehnt. Wenn er seine große warme Pranke um mich legt, weiß ich, dass mir nichts passieren kann.
Doch wir sind nicht allein. Da sind noch zwei junge Männer. Die dürfen nicht fehlen. Anfang zwanzig. Die Söhne der beiden Alten. Bildschöne Jungen: Willi mit dem Schalk im Blick und Heinrich mit den etwas wehmütigen dunklen Augen. So jedenfalls blicken sie mich von den alten Fotos an. Einen Ehrenplatz haben die. Beinahe ein Heiligtum. Ich weiß nichts weiter über die beiden. Onkel und Tante jedenfalls verlieren nie Worte über sie. Nur diese: Sie sind vermisst. Haben die beiden verwaisten Eltern in ihrer sprachlosen Trauer manchmal zur Nacht gebetet? So vielleicht?
(EG 283, 2) Willst du, o Vater, uns denn nicht, nun einmal wieder laben? Und sollen wir an deinem Licht nicht wieder Freude haben? Ach gieß aus deines Himmels Haus, Herr, deine Güt und Segen aus auf uns und unsre Häuser.
Die Bibel ist ganz vergilbt. Ihr brüchiger brauner Ledereinband abgegriffen. Erscheinungsdatum 1849. Die Hausbibel, vom Vater an den Sohn weitergegeben. Das zeigen die Namen ihrer Besitzer auf der Innenseite. Zuoberst finde ich in altdeutschen Buchstaben, jedoch junger runder Schrift Willis Namen. Hat er in einer langweiligen Konfirmandenstunde um 1934 jenes große W auf den Schnitt der Seiten gekritzelt? Jedenfalls ist sie ein Gebrauchsgegenstand in der Familie. Texte sind bunt unterstrichen. Zettelchen markieren Bibelstellen. Erst vor kurzem fand ich das kleine, fleckige Blatt, das irgendwo zwischen den klebrigen Seiten steckte, eine Gesangbucheinlage:
Kriegsgebet (nach der Weise: Wachet auf, ruft uns die Stimme.)
Herr und Herrscher der Heerscharen, Mit dir gehn wir durch die Gefahren Und künftgen Tages Dunkelheit. Mit dir wolln wir streiten, leiden, Mit dir wolln wir die Liebsten meiden, Wenn deine Hand ihr Opfer weiht. Wir fürchten keine Not Was kommt, schickst du, o Gott. Sei willkommen. Ob Nacht, ob Licht: Uns kümmerts nicht, wenn wir nur schaun dein Angesicht.
Hat mein Großonkel das im Gottesdienst gesungen im Ersten Weltkrieg? Warum wurde es in der Bibel aufbewahrt? Hat Willi es auch gelernt? Haben sie das geglaubt? Hat sie das begeistert, am Ende getröstet? Diese Fragen wird mir keiner mehr beantworten können.
Eines aber verstehe ich: So werden Menschen für den Krieg zugerichtet. Wem man solche Worte ins Ohr setzt, der soll zu allem bereit gemacht werden.Kriegsgebete haben sie gesungen statt Paul Gerhardts Friedensgebet. Der hätte sie auf andere Worte hören lassen:
EG 283, 3) Ach dass ich hören sollt das Wort erschallen bald auf Erden, dass Friede sollt an allem Ort, wo Christen wohnen werden! Ach dass uns doch Gott sagte zu des Krieges Schluss, der Waffen Ruh und alles Unglücks Ende!
Mit solchen Worten kann ein Mensch widerstehen. Dietrich Bonhoeffer hat sich 1944 im Gefängnis mit diesem Choral gestärkt. Als Verschwörer gegen Hitler drohte ihm der Tod. In Briefen, die er aus dem Gefängnis herausschmuggeln konnte, schrieb er:
man kehrt zu den schönen Paul-Gerhardt-Liedern zurück und ist froh über diesen Besitz.
"Mir geht es gut. Leb wohl, behalte guten Mut, wie wir auch, und freue Dich schon so wie wir auf ein gutes Wiedersehen! "
Hinter diesem neuen Lied, Nr.370, 3 und 4 verbirgt sich, verschlüsselt die 3. und 4. Strophe jenes alte Paul-Gerhardt-Lied. 1944 war es umstürzlerisch, Paul Gerhardt offen zu zitieren:
"Ach, dass ich hören sollt das Wort erschallen bald auf Erden, dass Friede sollt an allem Ort, wo Christen wohnen, werden. Ach dass uns Gott doch sagte zu des Krieges Schluss, der Waffen Ruh Und alles Unglücks Ende. Ach dass doch diese böse Zeit bald wiche guten Tagen, damit wir in dem großen Leid nicht möchten ganz verzagen. Doch ist ja Gottes Hilfe nah, und seine Gnade stehet da All denen, die ihn fürchten."
Hätten 1944 und vorher mehr Menschen dies auf den Lippen gehabt wären Willi und Heinrich dann vermisst? Oder hätten sie sich am Ofen wärmen können in der guten Stube meiner Kindheit und mit Psalm 85 darauf hoffen dürfen,
"dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, dass uns auch der HERR Gutes Tue und unser Land seine Frucht gebe, dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe und seinen Schritten folge."
(EG 283,7) Der Herr wird uns viel Gutes tun, das Land wird Früchte geben, und die in seinem Schoße ruhn, die werden davon leben; Gerechtigkeit wird dennoch stehn und stets in vollem Schwange gehen zur Ehre seines Namens.
Gerechtigkeit und Friede sollen sich küssen
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