|
Befiehl du deine Wege - 400. Geburtstag Paul Gerhardt
O-Ton Dieter Falk: Geh aus mein Herz und suche Freud ein wahnsinnig tolles Sommerlied, wie ich finde, ja Narzissan und die Tulipan, also das werden die Narzissen und die
Tülpchen sein aber halt in altdeutsch so gesprochen fantastisch beschrieben so dass ich mich am liebsten fragen würde, wo hat er denn gesessen , als er den Text geschrieben hat, ja? In welcher Blumenwiese war er da?
Autorin: In welcher Blumenwiese Paul Gerhardt einst gesessen haben mag, das wird niemand mehr herausfinden. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Von den Narzissus und den Tulipan hat mir schon meine Großmutter gesungen in jenen Kindertagen als ich mir noch nicht vorstellen konnte einmal Pfarrerin zu werden.
Erst viel später habe ich begriffen: Paul Gerhardt ist einer der wichtigsten Dichter des evangelischen Kirchenliedes. Dabei ist mir gar nicht viel anders ergangen als Dieter Falk.
O-Ton Dieter Falk: werd´ ich nie vergessen, ich saß als 13-,14jähriger im Sonntagsgottesdienst wahrscheinlich halb gelangweilt wie viele Altersgenossen da so sitzen, , hab dann geblättert im Gesangbuch , fand Paul Gerhardt und sah: Oh, der hat ja einen Haufen Lieder geschrieben. Und dann hab ich weiter geblättert - da stand halt sein Leben, was er gemacht hat, dass er Pastor war, dass er vier von fünf Kindern verloren hat während des 30jährigen Krieges, seine Frau auch noch sehr früh verloren ha, da habe ich Gänsehaut bekommen, dann im nächsten Buch, was ich Zuhause fand weitergelesen. Das hat mich gereizt, damals wie heute.
Autorin: In diesem März jährt sich der 400tste Geburtstag von Paul Gerhardt. Und dass seine Lieder nichts an Frische eingebüsst haben, dafür sorgen Musiker wie Dieter Falk, die die alten Choräle unbekümmert mit Bläsern und Popbeats unterlegen. Gehen wir also aus und suchen wir, wandern wir zurück durch Zeit und Raum.
Musik: CD Dieter Falk, A Tribute to Paul Gerhardt, LC 13743 Track 4 Geh aus, mein Herz,
Das Ziel Gräfenhainichen. Eine Kleinstadt abseits der großen Städte. Damals lebten die Menschen vom Ackerbau und teilten mit ihrem Vieh die Häuser. Hier wurde Paul Gerhardt am 12. März 1607 geboren. Der Vater ist Gastwirt und Bürgermeister, die Familie hatte ein hohes Ansehen. In der Dorfschule lernte der junge Paul Lesen und Schreiben und die ersten lateinischen Worte. Die Eltern sterben früh. Der 14jährige geht nach Grimma auf die Fürstenschule. In diesem Internat wurde die Sächsische Führungselite ausgebildet.
O-Ton Rödding: Eine strenge Zuchtmeisterschule, ganz sicher. Aber P.G. hat sie durchgestanden. Als ein mittelguter Schüler.
Autorin: Erzählt Gerhard Rödding. Er hat in diesem Jahr eine kenntnisreiche Biografie des Paul Gerhardts veröffentlicht.
Studieren wird Paul Gerhardt dann in Wittenberg. Theologie. Aber es ist auch die Zeit des Aufbruchs in der deutschen Sprache. Das Deutsche soll eleganter werden. Gerhardt lernt er die strengen Regeln schätzen, die Grundlage seiner Dichtung werden.
O-Ton Rödding: Das waren formale Schemata nach denen man reden musste, Redewendungen einüben musste, Verse einüben musste, Reime einüben musste. Aber das konnte man lernen. Dichten war ein Handwerk. Man könnte sagen, so wie man heute gelernt haben muss einen ordentlichen Brief zu schreiben. So musste man auch damals lernen ein ordentliches Gedicht zu machen, Verse zu setzen.
Autorin: Man griff zur Feder anlässlich von Hochzeiten, Geburtstagen, Kindstaufen, Promotionen. Nicht mir einem Blumenstrauß gratulierte man, sondern mit einem Gedicht. Gerhardt studierte, dichtete und arbeitete als Hauslehrer.
1642 finden wir ihn dann in Berlin. Wieder im Hause eines hochgestellten Bürgers. Gerhardt ist mittlerweile 35 Jahre alt, aber unterzeichnet immer noch als Student.
O-Ton Rödding: Er war Gast im Hause. Ein gebildeter, gern gesehener Gast, er kann nicht Hauslehrer in Berlin gewesen sein. Die Familie Berthold hatte zwar 2 Töchter. Aber die eine war schon 20 Jahre und die andere war 18 Jahre, hat einige Monate später geheiratet. Da war nichts mehr zu unterrichten.
Autorin: In einer Zeit ohne Radio und Fernsehen holte man sich offensichtlich gerne die gepflegte Unterhaltung ins Haus. Kost und Logis inbegriffen. dauerte dieser Aufenthalt 9 Jahre. Dann wechselt Gerhardt nach Mittenwalde und wird dort erster Pfarrer. Hier wird eine typische Haltung Paul Gerhards sichtbar. Er bemüht sich nicht darum, er wartet ab. Er wird empfohlen. Dann geht er auch.
O-Ton Rödding: Nein, er hat sich niemals in seinem Leben um eine Pfarrstelle beworben. Er ließ die Dinge treiben. Befiehl dem Herrn deinen Weg und hoffe auf ihn. Er wirds wohl machen. Das war das Lebensmotto.
Musik: CD Dieter Falk, A Tribute to Paul Gerhardt, LC 13743 Track 7 Befiehl du deine Wege
Autorin: Befiehl du deine Wege, und was dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege, Des der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden Gibt Weg Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.
O-Ton Rödding: Gott lenkt den Himmel, Gott lenkt das irdische Leben. Und Gott führt die Menschen zum Ziel
Autorin: Das ist auf den Punkt gebracht die lutherische Vorsehungslehre. Die war ganz ohne Frage auch die Lebensgrundlage Paul Gerhardts
Der Herr also befiehlt den 44 jährigen nach Mittenwalde in die Mark Brandenburg. Mit seiner runden Handschrift füllen sich nun die Kirchenbücher mit Taufen und Eheschließungen. Dann läuten auch für Gerhardt die Hochzeitsglocken.
O-Ton Rödding: Eine glühende Liebe, die nur wartet, dass die äußeren Voraussetzungen gegeben sind, war das ganz bestimmt nicht..Er hat noch ein paar Jahre verstreichen lassen und dann hat er Anna Maria geheiratet. Die älteste Tochter von Andreas Berthold, mit der er schon so lange unter einem Dach gelebt hatte.
Autorin: Kinder werden geboren und wieder beerdigt. Die Kontakte zur Berlin gepflegt. Hier vor allem zu Johann Crüger. Der ist Kantor an St. Nikolai. Gerhardts Lieder wären barocke Gedichte geblieben, wenn ihm dieser Crüger nicht begegnet wäre. Johann Crüger findet die unverwechselbaren Melodien zu dessen Versen. Und! Veröffentlicht sie in seinem Gesangbuch. Viele der heute vertrauten Choräle waren ursprünglich Volkslieder, die nun mit Gerhardts Text Gott lobten.
O-Ton Rödding: In der Musik wurde zwischen weltlich oder geistlich nicht unterschieden. Das war entweder gut oder schlecht, aber nicht weltlich oder geistlich. O Haupt voll Blut und Wunden hat die Melodie eines Volksliedes Mein Gemüt ist mir verwirret, das macht ein Mägdlein zart. Nun ruhen alle Wälder hat die Melodie O Innsbruck ich muss dich lassen.
Musik: CD Dieter Falk, A Tribute to Paul Gerhardt, LC 13743 Track 1
Nun ruhen alle Wälder
Autorin: Die Berliner Jahre und die in Mittenwald zählen zu den die produktivsten im Leben des Dichters. Gerhardt findet nicht nur die Melodien, er entwickelt mehr und mehr seine Sprachbilder:
O-Ton Rödding: Nun kommt etwas hinzu und das ist besonders charakteristisch für seine Bilder. Er greift zurück auf die mittelalterliche Mystik.
Musikblende: CD Dieter Falk, A Tribute to Paul Gerhardt, LC 13743 Track 8 Die güldne Sonne
Dort findet er die Bilder, die seine Lieder so farbig machen. Dort findet er Texte, die er übersetzen kann. O Haupt voll Blut und Wunden ist eins der Hauptzeugnisse dafür. Aber auch Bilder wie die Sonne. Die Sonne, die mir lachet ist mein Herr Jesus Christ. Oder dass er von der Schönheit Gottes spricht.
Offensichtlich hatte das Luthertum eine Lücke hinterlassen. Die Predigt der Rechtfertigung allein aus Glauben ohne Werke hatte den Menschen in der Frömmigkeit weithin zur Passivität verurteilt.. Es war keine Sprache mehr da, in der man seine Gebete sprechen konnte, seine Frömmigkeit zum Ausdruck bringen konnte. ber jetzt wo diese mystischen Bilder wieder da sind. Da gibt es eine Wendung zur Individualität! Wenn ich mal, so scheide nicht von mir. Befiehl du deine Wege. Da ist der Einzelne angesprochen.
Autorin: Worte und Zwiegespräche für die Frömmigkeit. Und das gegen Ende des Dreißjährigen Krieges. Einer Zeit in der die Menschen Trost, Gewissheit und Hoffnung sicher dringend bedurften. 1657 kehrt das Ehepaar Gerhardt nach Berlin zurück. Gerhardt wird nun dritter Pfarrer an St. Nicolai. Die Gemeinde schätzt den Seelsorger und Prediger. Das wird mehr als deutlich als sich der Konflikt entwickelt, der Gerhardt schließlich diese Pfarrstelle kosten soll.
Der Konflikt entzündet sich als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst von Brandenburg, sein Land wirtschaftlich entwickeln will. Neue Bürger gleich welcher Konfession sollten den Aufschwung erwirtschaften. Friedrich Wilhelm war reformiert und verstand sich als toleranter Herrscher. Polemik gegen Katholiken oder Reformierte wollte er nicht dulden. Also forderte er die Lutheraner auf, sich jeder Polemik zu enthalten. Aber das gab es nun mal die sogenannte. Konkordienformel. Die mühsam errungene Bekenntnisgrundlage der Lutheraner. In der wurde gegen die Reformierten gewettert. Darauf sollten sie verzichten. Das wollten sie nicht. Einer nach dem anderen wurde seines Pfarramtes enthoben. Gerhardt aber wurde zum Sonderfall.
O-Ton Rödding: Einmal war er in Berlin keiner von den starren Theologen, die dem großen Kurfürsten Schimpfworte entgegenschleuderten von den Kanzeln. Er muss offensichtlich auch so gepredigt haben, dass die Leute davon angerührt wurden.. Denn als der Große Kurfürst die Herren Lilie und Rheinhard, seine Kollegen absetzte, naja, da hat man das in Berlin hingenommen. Als man ihn absetzte, gab es einen Aufstand in der Stadt.
Autorin: Der Kurfürst lässt die Sache zunächst ruhen. Gerhardt lässt sein Amt ruhen. Nach einem Jahr will der Kurfürst die Sache diplomatisch regeln. Gerhardt verhält unauffällig, die Bürger wünschen ihren Pfarrer zurück, also soll er es in Gottes Namen wieder sein.
O-Ton Rödding: Aber da hat Paul Gerhardt verzichtet. Der ist nicht wieder ins Amt gekommen, denn er hat offensichtlich den Erlass des Kurfürsten in dem ja stand: Naja, er hätte wohl nicht ganz begriffen, worum es gehe. Aber nun wolle er großzügig sein und in sein Amt einsetzen. In der Hoffnung, dass er sich auch weiterhin jeglicher Polemik enthalte. Auch wenn er das nicht unterschreiben wolle. Das muss ihn wohl gewurmt haben
Dieses - er hätte es nicht ganz begriffen, worum es geht.
Autorin: Starrköpfigkeit? Gekränkter Stolz? Falsche Einsicht? Gerhard Rödding ist sich sicher, der Grund ist in Gerhards unbeirrbarer Frömmigkeit zu finden.
O-Ton Rödding: Er wollte sich nicht durch den Kurfürsten ins Bekenntnis reden lassen. Und da ist auch schon das Wort Gewissensfreiheit gefallen.
Autorin: Gerhardt ist arbeitslos. Er hat Freunde die ihn unterstützen. Schließlich empfehlen die den 60jährigen nach Lübben. Eine bitterarme Gemeinde, die den stellungslosen Dichter nicht gerade mit offenen Armen empfängt. Gerhardt ist krank, alt, seine Frau gestorben. Sein dichterisches Schaffen erloschen. Dennoch geht er nach Lübben.
O-Ton Rödding: Es gibt das einen Brief an die Gräfin Magdalena zur Lippe. In dem er das ganz deutlich schreibt. Diese Haltung: Wenn Gott mich noch brauchen will, dann wird er mir schon einen Fingerzeig geben. Wenn nicht, dann ist es auch gut.
Autorin: 1676 wird Paul Gerhardt dort sterben. Er hinterlässt ein Erbe, das uns reich beschenkt Seit Generation singen wir seine Lieder. Nicht nur in der evangelischen Kirche. Ich wünsche einen Sonntag mit güldener Sonne, mit Narzissen und Tulipan, mit Wolken und Winden. und beschwingten Liedern.
Musikblende: CD Dieter Falk, A Tribute to Paul Gerhardt, LC 13743 Track 3 Du meine Seele, singe
Literatur: Gerhard Rödding, Warum sollt ich mich denn grämen Paul Gerhardt Leben und Dichten in dunkler Zeit Neunkirchen-Vluyn, 2006
Befiehl du deine Wege - 400. Geburtstag Paul Gerhardt
|