Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.02.07, 6.56 Uhr, Pfarrerin Stephie Peschutter

Was wäre, wenn?

WAS WÄRE, WENN... was wäre, wenn GOTT immer da wäre? – GOTT immer und überall mit dabei; immer mit anwesend.

Alle Einsamkeit damit aufgehoben, jede Zweisamkeit immer nur zu dritt. Damit gäbe es schlicht und ergreifend keine Einsamkeit mehr, und nur zwei Menschen hätten immer schon eine ménage à trois!

Also was wäre, wenn GOTT immer da wäre? – Für mich eine eher grausame Idee. Wenn ich mir vorstelle, dass ich nie einmal alleine wäre. – Nur ich. Denn manchmal bin ich ganz gerne allein. ALLEIN. Bin mir selbst gerne einmal ALLES in EINEM, zumindest von Zeit zu Zeit.

Besonders in Phasen der Entscheidung, wenn ich in mich gehe und darüber sinniere, was ich will im Leben, und niemand anderen dabei gebrauchen kann, um nicht irgendwie in die ein oder andere Richtung beeinflusst zu werden. Wenn GOTT da immer schon mit dabei wäre, würde ich womöglich meinen eigenen Willen einfach überspringen und ignorieren; weil immer auch schon mit gedacht ist: DEIN WILLE GESCHEHE – WIE IM HIMMEL, SO AUF ERDEN. – Ich würde einfach nur einwilligen in den Willen GOTTes und am Ende nie erfahren, was ich selbst eigentlich will.

Anders wird dies wohl in PARAGUAY empfunden; von dort kommt ganz aktuell die Liturgie zum Weltgebetstag der Frauen, der am Freitag überall auf der Welt gefeiert wird. Für christlich geprägte Paraguayerinnen ist GOTT nämlich immer anwesend und niemals weg zu denken – egal, wie groß sich Armut und Korruption als Probleme dieses Landes gestalten.

Diese immerwährende Anwesenheit GOTTes – also egal, wie dreckig es den Menschen dort geht – soll auch das paraguayische Titelbild zeigen: Eine wertvolle, feine Spitze, NANDUTI genannt, ist da abgebildet. Ähnlich einem Mandala wiederholen sich darin einzelne Muster von Kreisen. Und genau diese Kreise symbolisieren also die immerwährende Anwesenheit GOTTes. Auch bei uns ist der Kreis das Symbol für die Ewigkeit. Diese Kreise meinen jedoch nicht unsere Zeit durchbrechende Ewigkeit, sondern eine unendlich dauernde Dehnung der Zeit, eben bis ins Immerwährende hinein. – Auch das für mich eher grausam: Die Idee, alles geht unendlich so weiter wie bisher. Und dies auch noch, obwohl GOTT immer mit dabei ist?!

Die NANDUTI-Spitze ist ein typisch paraguayisches Produkt aus der Verbindung indigener mit europäischer Kultur. Die verschiedenen Kreismuster deuten zugleich – neben der Idee, dass GOTT immer da ist – auf die reiche Natur PARAGUAYS hin. Bemerkenswert: Diese Kreise sind miteinander durch ein einziges Garn zu einem Ganzen vereint. Und das, wo doch die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt – kaum verbunden mit den Reichen.

Mir als Europäerin wäre da der Faden schon längst gerissen! – Wie bei Jes 38, 12 steht: „Meine Hütte ist abgebrochen und über mir weg genommen wie eines Hirten Zelt. Zu Ende gewebt hab ich mein Leben wie ein Weber; er schneidet mich ab vom Faden.“

So bitter es klingt – aber ich brauche die Vorstellung, mich von GOTT auch distanzieren zu dürfen, also nur mich selbst zu denken und mich dann als ALLEIN zu empfinden. Dennoch werde ich am Freitag gemeinsam mit den Frauen aus PARAGUAY beten: „Du (GOTT) breitest den Himmel über uns aus wie ein Zelt. Du vereinst uns wie die einzelnen Teile einer NANDUTI-Spitze.“

Audiobeitrag Was wäre, wenn?


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