Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.03.07, 7.50 Uhr, Pfarrerin Stephie Peschutter

Einheitsbeschwörungen

EINHEITSBESCHWÖRUNGEN – Beschwörungen von Einheit oder gemimter Einigkeit sind mir grundsätzlich suspekt. (Vielleicht geht es Ihnen da ähnlich.)

Und die Geschichte gibt mir Recht: Die deutsch-deutsche Wiedervereinigung zum Beispiel – ein brachialer Akt, bei dem einiges auf der Strecke blieb, das auch durch Nostalgie nie wieder einzuholen ist. Oder davor: der reinste Wahnsinn einer desorientierten Nation; da hieß es: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer!“ – Einheitsbeschwörungen gehen bekanntlich bis ins Totalitäre hinein.

Und dennoch haben sich die Frauen aus PARAGUAY, die den aktuellen Weltgebetstag für alle Welt liturgisch gestalten, dazu hinreißen lassen, mit der Bibel die Einheit zu beschwören. Heute wird es auch bei uns in den Kirchen Deutschlands zu hören sein, Verse aus Epheser 4:

„Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein GOTT und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.“

So sehr auch hier die Einheit beschworen wird, es ist doch eine ganz andere. Nicht Menschen gemacht. Nicht künstlich herbeigeführt durch Freudentaumel oder perfide bürokratische Verordnungen per Staatsgewalt. Nicht staatlich verordnet. – Denn hier steht am Anfang die Liebe; und zwar so, dass die Verschiedenheit in dieser Einheit ernst genommen wird. Anfangs gilt nur der Wunsch, einander in Liebe zu ertragen. Vor allem anderen.

PARAGUAY ist ein politisch, wirtschaftlich und sozial zerrissenes Land. Auch dort herrschte bis 1989 ein Diktator namens Alfredo Stroessner 34 Jahre lang, und zwar mit allen Schikanen: Verfolgung der Opposition, Bespitzelungen, ständige Militärkontrollen, Folter und Mord. Nach der Vergangenheit: kann da Liebe überhaupt noch eine Kategorie sein? Wo sie dort doch überall mit Füßen getreten wird. – Dennoch setzen die Paraguayerinnen ihre ganze Hoffnung auf diese Liebe. Als Motor der Einheit, die sie sich wünschen. Denn sie wissen:

Nur in Liebe nehmen wir Verschiedenheiten wahr. Nur in Liebe halten wir Differenzen aus. In Liebe finden wir auch angemessene Sprache für unterschiedliche Standpunkte. Die Liebe blendet nicht aus. Die Liebe lässt gelten. Liebe benennt das, was Menschen zerstört, gefährdet und voneinander trennt. In Liebe wachsen wir zusammen und entwickeln uns miteinander.

Und wo Politik, Wirtschaft und Soziales versagen, weil sie sich korrumpieren lassen von gewissen Machtinteressen, da hilft es doch, sich mit den Frauen aus PARAGUAY daran zu erinnern, dass wir alle solidarisch zur selben Einheit gehören. Diese Einheit sprengt einfach alles Einigkeitsgetue der Welt. Egal, wo wir uns in welchem Status befinden – egal auch, mit welchen Möglichkeiten, Talenten oder Privilegien wir ausgestattet sind, wir gehören weltweit zusammen. – Wirklich ernst genommen, könnte die Einheit in Christus sehr politisch werden.

 

 

Audiobeitrag Einheitsbeschwörungen


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