Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

26.02.07, 5.56 Uhr, Pastorin Ruthild Busch

Das gelbe Kornfeld oder Catch me when I´m falling

Ich erinnere mich noch an ein Gespräch vor etlichen Jahren mit einer Inhaftierten. „Ich kann damit nicht umgehen, was ich getan habe“, sagte die junge Frau

im Knast immer und immer wieder. Irgendwann kamen wir im Gespräch darauf, dass wir in der Tat allein mit unserer Schuld und unserem Scheitern nicht umgehen können. Die Frage lautet vielmehr: Wie geht Gott damit um?

Und dann ganz unerwartet berichtete mir die junge Frau von einem Traum. Dieser Traum war für sie ein Aha-Erlebnis. In dem Traum sah sich die junge Frau ganz weit oben in einer Art Sessellift sitzen. Sie saß dort allein. Und es war bitter kalt. Sie schaute nach vorne und sah eine einzige monotone Eisfläche. Es hat alles keinen Sinn mehr, dachte sie bei sich selbst. Ich werde mich in die Tiefe stürzen. Und sie blickte aus dem Sessellift hinunter. Wenn ich unten aufpralle, bin ich sofort tot. Das Einzige, was mir Angst macht ist, dass ich mir während des gesamten Flugs nach unten Gottes Vorwürfe anhören muss. Und dann lässt sie sich fallen und wundert sich noch im Fall, dass sie Gottes Stimme, seine Vorwürfe nicht zuhören bekommt. Und noch während sie fällt, werden ihr im Flug drei Landeplätze angeboten.
 
Der Erste stellt eine Art Obelisk oder Siegessäule dar. Nein, sagt sie. Das ist kein guter Landeplatz. Da werde ich aufgespießt. Kein schöner Tod.

Der zweite ist ein riesiges Wasserbecken, gefüllt mit eiskaltem Wasser. Nein, sagt sie. Erfrieren möchte ich auch nicht.

Und dann der dritte Landeplatz. Sie sieht ein Kornfeld, das im Sonnenlicht golden glänzt und sich sanft im Wind hin und her wiegt. Ja, sagt sie, dort möchte ich landen. Hier kann ich in Ruhe sterben und keiner sieht mich. Und sie macht sich auf den harten Aufprall gefasst. Aber dann merkt sie plötzlich, dass sie irgendwie in ihrem Fallen gebremst wird und ganz behutsam auf die Erde rollt. Sie ist verwundert, noch am Leben zu sein. Sie liegt auf dem Rücken im Kornfeld und befühlt ganz vorsichtig ihre Arme und Beine. Ich kann sie noch bewegen, murmelt sie. Und sie richtet sich auf. Das ist ein Wunder, denkt sie und fängt an zu laufen. Durch das Kornfeld hindurch.

Dieser Traum war für die junge Frau ein absoluter Durchbruch. Auf einmal begriff sie: Hey  Mann, ich hab‘ es mit einem Gott zu tun, der mir eine zweite Chance in meinem Leben einräumt. Der mir nicht ständig meine verkorkste und schuldbeladene Vergangenheit vor Augen hält, mich anklagt und fertig macht. Ich hab’s mit einem Gott zu tun, der mir vergibt und mich freispricht, von dem, was mich unendlich quält und nicht zur Ruhe kommen lässt. „Diesem Gott möchte ich vertrauen“, sagte die junge Frau. „Bei dem fühle ich mich geborgen und beschützt“. Der Traum der jungen Frau hat mich damals sehr bewegt – und ich dachte bei mir: Es ist ein Wahnsinnsgeschenk an solch einen Gott, den Gott Jesu Christi glauben zu dürfen. Zu wissen, dieser Gott lässt mich nicht fallen, wenn ich scheitere und schuldig werde. Er hält zu mir, auch dann, wenn ich mich selber aufgegeben habe und keinen Ausweg mehr sehe. Diesem Gott möchte ich vertrauen – keinem anderen! 

Audiobeitrag Das gelbe Kornfeld oder Catch me when I´m falling


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