Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.03.07, 5.56 Uhr, Pfarrer Erhard Ufermann

"Willkommen"

„Willkommen“ sagte er und rückte am Tresen ein Stück beiseite. „Wie geht´s denn so?“ „Und Dir?“ „Was machst Du eigentlich im Moment beruflich?

„Die nächsten zwei Bier gehen auf mich.“ Wir redeten über Fußball und Frauen, über die Scheidung und alte Freunde. „Willkommen“ hatte er gesagt. Und als ich nach Hause ging, fühlte ich mich auch so.

Am nächsten Morgen hatte ich in einer Hauptschule zu unterrichten. Wir redeten über MP3 Player, Bewerbungen, das letzte Wochenende und die arbeitslosen „großen Brüder“. Plötzlich sagte Elvira: „Wir haben ja sowieso keine Chance.“

Das altmodische „Willkommen“ von gestern Abend ging mir durch den Kopf. Übersetzt:  “Du bist erwünscht“. Ganz viele Jugendlichen haben aber offenbar das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Sie erleben sich eher als Belastung. Jedenfalls so ganz tief drin. Willkommen sind nur die, die etwas bringen; „die es drauf haben“, wie die Jugendlichen sagen. Man ist nicht einfach willkommen, weil man da ist. Auch wenn sich das doch jeder von uns wünscht.

Seit den PISA-Studien halten wir nach, wer´s nicht bringt: Die Migrantenkinder z.B. haben es schwerer. Und die, die aus den Ghettos kommen, auch. Wir wissen, dass die Kinder der Alleinerziehenden oder Langzeitarbeitslosen nicht von Natur aus dümmer sind. Sie müssen nur ein paar Hürden mehr nehmen als andere. „Prekariat“ nennen sie das heute. Früher sagte man „Arme“ dazu. Jedenfalls gibt es seit den PISA-Studien 3 / 4 Diagnostikverfahren und 2 / 3 Förderprogramme mehr.

Nur das Gefühl der betroffenen Jugendlichen scheint sich nicht zu ändern. Es hat sich hartnäckig festgesetzt – so ganz tief drin: Das Gefühl, eigentlich überflüssig zu sein

In Finnland, das in den PISA-Studien international am besten abschneidet, gilt der Leitsatz in der Bildungspolitik: „Wir geben niemanden auf.“ Dort wird den Kindern in den Schulen vermittelt:  „Jeder ist willkommen!“. Und offenbar befähigt diese Haltung Kinder, ihre Chancen wahrzunehmen.

„Es ist gut, daß Du da bist!“, höre ich Gott sagen. „So, wie Du bist“. Mir geht durch den Kopf, wie Jesus zu seiner Zeit Menschen am Rand der Gesellschaft begegnete mit einer Haltung von: „Du bist erwünscht! Gerade Du!“  Das befreite schon damals die Ausgestoßenen und Armen, die Kinder und Migranten, ganz neu am Leben teilzunehmen.

An dem Abend in der Kneipe hatte auch ich das Gefühl, willkommen zu sein. Jetzt denke ich: Es hatte weniger mit dem netten, unverbindlichen Tresengespräch zu tun, als vielmehr mit der Haltung, mit der mir mein Gesprächspartner begegnete. Ich sei erwünscht, vermittelte er mir. Und das tat gut. Das tut allen gut. Kindern, Jugendlichen und auch uns Erwachsenen. Immer wieder.

 

Audiobeitrag "Willkommen"


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