Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.02.07, 6.56 Uhr, Pfarrer Reinhard Ellsel

Der Pharisäer

Eine Grundschullehrerin fragt ihre Klasse im Religionsunterricht: "Wer von euch möchte später einmal in den Himmel kommen?" Alle Kinder melden sich. Nur Charlie nicht.

Da wendet sich die Lehrerin erstaunt an ihn und fragt: "Nun Charlie, möchtest du nicht?" Der Junge antwortet: "Natürlich will ich in den Himmel kommen - aber doch nicht mit dem Haufen da!"

Liebe Hörerinnen und Hörer, was der Witz auf flapsige Weise ausdrückt, ist im Grunde ein ernstes Problem. Viele halten sich selbst nämlich für gut und richtig; jedenfalls für besser und richtiger als den Rest der Welt.

Sprecherin:
Jesus erzählte einigen, die sich für untadelig hielten
und auf andere herabsahen, folgende Geschichte:
"Zwei Männer gingen in den Tempel, um zu beten,
ein Pharisäer und ein Zolleinnehmer.
Der Pharisäer stellte sich ganz vorne hin und betete:
Gott, ich danke dir, dass ich nicht so habgierig, unehrlich und verdorben bin wie die anderen Leute,
zum Beispiel dieser Zolleinnehmer.
Ich faste zwei Tage in der Woche
und gebe dir den zehnten Teil von allen meinen Einkünften!
Der Zolleinnehmer aber stand ganz hinten und getraute sich nicht einmal aufzublicken. Er schlug an seine Brust und sagte:
Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!"
Jesus schloss: "Ich sage euch, als der Zolleinnehmer nach Hause ging, hatte Gott ihn angenommen, den anderen nicht.
Denn wer sich erhöht, der wird erniedrigt;
aber wer sich selbst geringachtet, der wird erhöht."

Ausgerechnet einen Zöllner malt Jesus den Selbstgerechten als positives Beispiel vor Augen - einen Zöllner, der genau weiß, warum er so verschüchtert in der Ecke steht; warum er sich nicht getraut, aufzublicken; warum er sich an seine Brust schlägt und sagt: "Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!"

Tag für Tag spürt der Zöllner seine innere Zerrissenheit, die sein fragwürdiger Beruf und das ständige Übertreten des Gebotes "Du sollst nicht stehlen" mit sich bringt - aber ahnt denn der Pharisäer gar nichts von seiner eigenen Zerrissenheit? Tag für Tag merkt der Zöllner, wie sehr er von seinen eigenen Idealen entfernt lebt - aber gelingt denn dem Pharisäer alles? Tag für Tag leidet der Zöllner unter dem riesigen Graben, der zwischen ihm und dem heiligen Gott besteht - aber glaubt denn der Pharisäer, dass Gott ganz automatisch auf seiner Seite steht?

Das Vorbildliche an diesem Zöllner ist, dass er für seine eigene Schuld und innere Zerrissenheit nicht andere verantwortlich macht - etwa seine Eltern oder den Pharisäer, der ihm mit seiner Recht-schaffenheit angeblich immer nur ein schlechtes Gewissen macht. Der Zöllner schlägt an seine eigene Brust.

Er wendet sich an den einzigen, der ihm helfen kann und betet: "Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!" Zu diesem Verhalten sagt Jesus: "Ja!" Der Sohn Gottes sagt mit Blick auf den Zöllner: "Diesen hat Gott angenommen." Dieser Zöllner hat das bekommen, was er suchte: Gottes Nähe, Gottes Trost, Gottes Vergebung. Der Selbstgerechte, der Pharisäer, der Charlie haben diesen Weg zur Selbsterkenntnis noch vor sich. Bei denen hat Gott noch jede Menge zu vergeben.

Audiobeitrag Der Pharisäer


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