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Herzensgebet
Ich wußte nicht mehr weiter. Nicht, das ich jetzt überhaupt nicht mehr klar kam. Aber es war schon so, das - wie soll ich sagen - mir die Rezepte ausgegangen waren.
Na ja ich meine: Was jeder halt so drauf hat, wenn er nicht gut drauf ist. Nichts gegen Rezepte bitte. Von wegen man muss immer alles ganz individuell sehen Rezepte sind einfach klasse. Ich mein´, da gibt´s doch immer was im Notfallkoffer der eigenen Lebenserfahrung. Gute und schlechte. Anzuwenden bei Tagestiefs und Krisen jeglicher Art: Liebe menschen anrufen oder treffen, zum beispiel ein heißes Bad, manchmal Sprüche. Von "es gibt immer einen Weg" - bis "das Licht am Ende des Tunnels könnte auch der entgegenkommende Zug sein". Wie gesagt: gute und schlechte Rezepte.
Und jetzt hatten sozusagen alle Rezepte ihr Verfallsdatum deutlich überschritten. Mit anderen Worten: Es half nichts wirklich. Nochmal: das war jetzt nicht so die ganz große Krise. Nichts nach dem Motto: ganz großes Kino. Kein Drama. Es war eigentlich fast schlimmer. Es war diese langanhaltende Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben, weil - mit den Frauen war es dramatisch oder gar nicht, die Arbeit: na ja. und überhaupt war ich dabei mich zu arrangieren.So muß man das wohl sagen, wenn man das eigene momentane Unglück oder Halbglück, zur Weltsicht macht. Wenn die Überzeugung wächst: das wirkliche Glück ist nicht für mich gemacht.
Wie gesagt: nicht dramatisch, aber ein Gefühl, als wäre man mit einem Regenschirm geboren. Weil es halt sowieso trüb´wird.
Und nun das: Nur ein Satz sollte helfen. Irgendjemand hatte davon erzählt. Keine große Sache. Wohl eher ziemlich fromm. Mehr ein Gebet, als ein Satz. Ein altes Gebet der Ostkirche. Menschen hätten ihr Leben damit verbracht, es unablässig zu beten und ihnen seien große Dinge widerfahren, sagt man. Ein Gebet das alles sagt. Und das man immer sagen kann.Immer. Jetzt nicht so mit Händefalten und ruhig werden und die richtigen Worte suchen, sondern es geht darum, einen Satz immer wieder sagen, denken, fühlen, atmen: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.
Das sei alles. Herr, Jesus Christus erbarme dich meiner.
Ich bin Christ. Beten und Gott um Hilfe bitten, ist mir nicht fremd.Und so ging das "Herr, Jesus Christus erbarme dich" leicht. Aber da war dieses "meiner".Es hieß: Herr Jesus Christus erbarme dich meiner. Nicht unser, nicht ihrer. Meiner. Es geht um mich. Nur um mich. Nur ich bin in diesem Satz wichtig - und das Erbarmen Jesu.
Herr, Jesus Christus, erbarme dich meiner.Was soll ich sagen: Es hat geholfen. Es hilft. Ich werde ruhiger, gelassener, zuversichtlicher, mutiger. Für den Moment. Und immer dann, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
Musikeinspielung: Russische Mönche singen in deutschen Domen, Titel Nr. 4, LC 0278
Herzensgebet
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