Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

16.08.05, 5.56 Uhr, Sabine Steinwender-Schnitzius

Menschensinfonieorchester

In diesem Orchester spielen, die, die anders sind. Auf Droge, auf Alk, ohne Obdach. Ihre Instrumente ein wildes Sammelsurium. Die Gitarre ist vom Müll. Der Bass eine

Teekiste mit einem Besenstiel und einer Wäscheleine. Ansonsten gibt es eine Geige, zwei Saxophone, eine Posaune und diverses Schlagzeug.  Sie spielen zusammen mit denen, die unauffällig sind. Die Arbeit haben, eine Wohnung und vielleicht  auch eine Familie. Sie nennen sich Menschensinfonieorchester. Ihr zu Hause: die ev. Lutherkirche in Köln.

Musik: Komm laß uns tanzen

Bei den regelmäßigen Proben geht es oft hoch her. Da balgen sich mal zwei miteinander und ein Dritter empört sich laut: „Wat soll dat heißen, ich soll A-Dur spielen statt B-Dur? Ich glaub, ich spinne, ich spiel, worauf ich Bock hab, un fertich!“ Ein Vierter rennt  raus und kommt nicht wieder. Manch einer ist auch schon rausgeflogen. Weil er nur drei Akkorde konnte, bei den Proben immer einschlief oder ständig seinen Platz wechselte. So wie Kolibri, die zwar wunderbar Mundharmonika spielte, aber ständig umzog. Samt Teddybär, Bibel und Körperlotion.
Und dann gibt es da natürlich noch die anderen, die Normalen.

Was sie alle verbindet: ist die Liebe zur Musik, Experimentierfreude und das sichere Wissen: Brüche gibt es in jedem Leben.  Das gilt auch für Allessandro Palmitessa, der das Orchester leitet. Der Profi Musiker ist Italiener und hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Von Sozialarbeit hat er keine Ahnung, muß er auch nicht. Das Orchester ist keine Therapiegruppe. 
Mit jedem Menschen, der das Zeug dazu hat, kann man Musik machen, lautet das Credo von Allessandro Palmitessa. Daß das geht hat er bewiesen. Zur großen Verwunderung der Sozialarbeiter. Das Orchester hatte schon mehrere Auftritte. Und es gibt bereits eine CD.

Musik: Komm laß uns tanzen

Über ihr Leben reden die Musiker ungern. Mit Ausnahme von Jürgen Baack, dem Sänger. Seine Karriere ist klassisch, mit acht ins Heim, immer mal wieder auf Flucht, beim Klauen erwischt, zurück ins Heim, raus in die Drogenszene, ab in die Therapie, wieder zurück in die Szene und in den Knast. „Und irgendwann hat man dann zehn Jahre Knast abgemacht und fragt sich, wofür war dat eigentlich “, erzählt Jürgen Baack. 

Musik: Komm laß uns tanzen

Was mich an diesem Lied „ Komm laß uns tanzen“ besonders beeindruckt, ist die Botschaft: Du bist nicht der Beste, aber ein Teil der Melodie. Die Erfahrung, daß hier alle einen Platz haben. Man nur gemeinsam stark ist. Hier fühle und lebe ich das erste Mal als Mensch, sagt Jürgen, der ehemalige Straßenmusiker.  Den anderen geht es ähnlich.

Für mich ist das Menschensinfonieorchester ein Abbild der Familie Gottes. Hier wird jeder so akzeptiert, wie er ist. Und alle zusammen bringen etwas Wunderbares zustande. 

Daß dieses Lied zutiefst christlich ist, der Meinung war wohl auch der  Ausschuß des Weltjugendtages. Unter sechshundert Bewerbern ist das Menschensinfonieorchester ausgewählt worden. Heute Abend spielen sie bei der Eröffnungsfeier des Weltjugendtages im Bonner Hofgarten. 

Musik: Komm laß uns tanzen

Die Genehmigung Auszüge aus dem Stück „Komm laß uns tanzen“ zu veröffentlichen ist uns vom Menschensinfonieorchester schriftlich erteilt worden.

Audiobeitrag Menschensinfonieorchester


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