Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.02.07, 18-19 Uhr, Gernot Hoersch

Der freie Wille

Im Kindergarten hatte ich einen Kumpel, meinen alten Sandkastenhaudegen Tim. Der Tim kam aus einer sehr behüteten Familie.

Die Mutter hat ihn immer gebracht, geguckt, dass alles ordentlich war, die Tasche aufgehängt. Und hat ihm einfach die ganze Arbeit abgenommen. Sie meinte das nicht böse, aber sie wollte ihm einfach viel Mühe ersparen.

In unserer Gruppe ist Tim richtig aufgetaut. Weil er einfach neue Sachen ausprobieren konnte. Weil er einfach mal Sachen selber machen konnte. Vor allem weil er auch Fehler selber machen konnte. Was ziemlich wichtig ist, wenn man nicht jeden Tag davor bewahrt wird. Irgendwann muss man das lernen.

Irgendwann wurden wir mal wieder abgeholt. Es war kurz vor Karneval. Da haben wir uns unterhalten, was wir dieses Jahr denn zu Karneval werden. Ich wollte Cowboy, Indianer, irgend so ein Klassiker werden. Tim setzte so einen furcheinflössenden Blick auf: „Ich gehe dieses Jahr als Pirat.“

Da drehte sich seine Mutter um: „Oh nein, Tim. Wir haben uns doch schon geeinigt, dass du dieses Jahr als Marienkäfer gehst!“ In einer Sekunde war er degradiert vom Schrecken der Meere zu einem kleinen harmlosen Insekt. Und er fing an zu weinen.

Ich habe das so gesehen und kam mir in diesem Moment hilflos vor. Aber seitdem weiß ich, wie wichtig es ist schon möglichst früh seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Und auch ruhig Fehler zu machen. Denn das ist es, was das Menschsein ausmacht: Der freie Wille.

Sprecher: Gernot Hoersch

Audiobeitrag Der freie Wille


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