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Verdient oder geschenkt - vom wahren Wert menschlicher Arbeit
Was ist ein angemessener Verdienst für gute Arbeit? Es sind nicht nur Handwerker-Rechnungen mit gesalzenen Stundenpreise oder hohen Anfahrtkostenpauschalen,
die uns danach fragen lassen, sondern auch die immer wieder hoch kommenden Diskussionen über Millionen-Euro-Jahresgehälter in deutschen Vorstandsetagen von Unternehmen, die gut verdienen und dann doch tausende Arbeitsplätze abbauen.
Guten Morgen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, mein Name ist Thomas Thilo, ich bin Pfarrer der Evangelischen Erlöserkirche in Münster und lese dann gerne mal wieder die biblische Geschichte, die im krassen Gegensatz zu allen Maßstäben steht, die in unserer Wirtschaft zur Zeit in der Diskussion stehen.
Jesus erzählt da von einem Weinbergbesitzer, der Arbeiter für seinen Besitz benötigt. Er wirbt zu Beginn des Tages eine Reihe an und sagt ihnen als Tageslohn einen Silbergroschen zu. Sie sind damit einverstanden und machen sich an die Arbeit. Jesus geht nicht auf die Details ein. Wir erfahren nicht, was zu tun ist, Setzlinge pflanzen, Stöcke und Ranken beschneiden und hoch binden, Unkraut jäten, die Bewässerungsgräben richten. Es ist offenbar eine Menge Arbeit, denn der Besitzer sieht, dass das Tagessoll nicht erfüllt werden kann. Er braucht mehr Arbeiter. Also wirbt er im Lauf des Tages in mehreren Etappen weitere Arbeiter an. Jedem verspricht er den gleichen Lohn, den er dann am Ende des Tages allen auch auszahlt. Das gefällt denen nicht, die für dieses Geld den ganzen Tag gearbeitet haben. Sie finden es ungerecht, dass auch die, die am Ende nur für eine Stunde angestellt wurden, den gleichen Lohn wie sie selbst bekommen: einen Silbergroschen. Der Besitzer nimmt sich von ihren Protesten nichts an und verweist auf die Übereinkunft, die sie mit ihm eingegangen sind. Es bleibt dabei: Jeder bekommt den gleichen Lohn.
Wir können uns vorstellen, was heutzutage passieren würde. Der Arbeitsfriede wäre dahin. Vielleicht war aber auch schon damals die erste Reaktion der Zuhörer: Wie kann das angehen? Sie verstanden: Der Weinbergbesitzer steht in dem Gleichnis für Gott. Ist Gott wirklich so ungerecht, dass er die Bemühungen von uns Menschen so wenig unterscheidet? Sieht er denn nicht, wie stark wir uns voneinander abheben? Gibt es nicht in allen Lebensbereichen und gab es nicht zu allen Zeiten gravierende Unterschiede in dem Maß, in dem Menschen sich einsetzen, in dem sie begabt sind, in dem sie ihre Fähigkeiten nutzen und entwickeln, in dem, was sie an Zeit, Vermögen und seelischer Energie aufwenden? Und werden sogar jene, die gar nichts geleistet haben, ja sogar eher geschadet haben, gar auch noch himmlisch belohnt werden?
Es gibt wirklich Menschen, die außergewöhnlich viel leisten. Beim Besuch des Schillerhauses in Weimar hat mich beeindruckt, an Ort und Stelle zu erfahren, mit welchem Aufwand dieser berühmte Dichter gearbeitet hat, als er z.B. seinen Wilhelm Tell schrieb. Nachdem er sich für diesen Stoff entschieden hatte, besorgte er sich alles an Informationen über die Örtlichkeiten und den geschichtlichen Hintergrund und studierte die zugänglichen Karten, die er überall in seinem Arbeitszimmer aufgehängt hatte, so intensiv, dass er über jeden verzeichneten Felsvorsprung, jeden Bachverlauf und jede Bergkuppe am geschichtlichen Ort der Handlung rund um den Vierwaldstätter See auswendig Bescheid geben konnte. Dann fing er an zu schreiben und verließ dazu vier Wochen lang seinen Schreibtisch Tag und Nacht nicht. Übermannte ihn die Müdigkeit, schlief er über seinen Armen versunken am Tisch ein, um alsbald wieder aufzuwachen und weiter zu schreiben. Diese fast übermenschliche Intensität in seiner dichterischen Arbeit hatte ich nicht vermutet. Kann jeder Berufstätige so etwas von sich vorweisen? Wohl kaum. Nun ist es eben auch nicht jedem gegeben, mit Sprache so genial umgehen zu können wie es die deutschen Klassiker konnten.
Aber bedeutet das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, dass Gott keine Unterschiede macht und einen einfachen Reimerfinder eines kurzen Geburtstagsgrußes genauso behandeln wird wie Friedrich Schiller? Ja, etwas anderes lässt das Gleichnis Jesu als Deutung nicht zu. Vor Gott sind alle Menschen gleich.
Wie sollte es auch anders sein? Würde eine Mutter etwa ein behindertes Kind weniger lieben als ein hochbegabtes? Natürlich nicht. Eher ist es umgekehrt. Und das war ja doch gerade das, was Jesus mit allen Reden und Gleichnissen den Menschen näher bringen wollte. Gott liebt diese Welt und er liebt alle Menschen. Auch die Gewalttätigen und Zyniker, auch die Faulenzer und Drogenabhängigen, auch die Nestbeschmutzer und Kinderhasser? Wenn man die Geschichte Jesu bis hin zum Kreuz als einzig möglichen Hinweis auf das Geheimnis Gottes liest, bleibt nur der Schluss: Ja, Gott liebt alle Menschen.
Aber das heißt nicht, dass ihn diese Liebe in allen Fällen glücklich machen kann. Angesichts dessen, was manche Menschen schuldig bleiben, ist diese Liebe eben für Gott auch ein schlimmes Leiden an den so sehr von ihm geliebten Menschen. Das kommt für mich im Kreuz Jesus immer wieder sehr stark zum Ausdruck. Was für eine starke Liebe, die um der Liebe willen solches Leiden auf sich nimmt? Aus Liebe ging Jesus diesen schweren Weg. Aber damit ist eben dieses überaus großzügige Angebot verbunden: Jeder darf sich auf diese Liebe berufen. Allerdings nicht so, dass alles mit uns so bleiben kann, wie es ist. Sie will uns - wo es nötig ist - zum Guten hin verändern, aber durch Liebe und nicht durch unterschiedliche Behandlung oder verschiedenen Lohn. Jeder bekommt das gleiche Angebot an göttlicher Zuneigung. Und die fällt bei den Leistungsträgern nicht anders aus als bei den weniger verdienten Menschen. Weil sie eben auf der Liebe gründet und nicht auf Verträge oder Ansprüchen.
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist eine sehr markante Geschichte aus der Bibel. Gleicher Lohn für alle, das ist durchaus ein aktueller Gedanke. In vielerlei Hinsichten. Es gibt unter uns einen interessanten Unternehmer, der eine sehr einfache Idee entwickelt hat, die sehr an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erinnert ja sie noch einen Schritt weiter führt. Götz Werner, erfolgreicher Gründer eines Konzerns, Professor in Karlsruhe und Vorsitzender der Initiative »Unternimm die Zukunft«.schlägt vor, alle Sozialämter zu schließen und allen Menschen unseres Staates ein Grundgehalt auszuzahlen gleichgültig, ob sie arbeiten oder nicht. Der Staat sparte dann die hohen Verwaltungskosten, denn es muss nichts mehr geprüft werden. Jeder Mensch hätte sein Einkommen. Wer das bezahlen soll? Eine auf alle Dienstleistungen und Wertsteigerungen umgelegte Art von Umsatzsteuer, antwortet er. Das wäre die einfachste Art Steuern zu erheben und könnte alle anderen Steuern ersetzen. Und wer würde dann noch arbeiten, wird er dann immer wieder gefragt? Arbeiten sollen nur noch die, die es wollen, antwortet er dann darauf, denn nur die arbeiten wirklich gut. Ob sich dann noch genügend dafür fänden? Warum nicht, sagt er. Schließlich würde dann ja auch das eigene Einkommen steigen und mehr an Möglichkeiten bieten, als die Grundsicherung erlaubt.
Hinter seiner Ansicht steht auch die Erkenntnis, dass ja schon jetzt viele Berufstätigkeiten nicht aufgrund guter Bezahlung geleistet werden. In den Pflegeberufen wird beschämend wenig verdient. Diese Aufgaben werden offenbar nicht des Einkommens wegen übernommen, sondern weil die, die es tun, wissen, sie werden gebraucht. Und das ist in ganz vielen Berufen so.
Andersherum zeigt sich auch, dass hohe Einkommen nicht automatisch auch gute Ergebnisse garantieren. Die Empörung über die unmäßig erscheinenden Verdienste in den Vorstandsetagen und übertriebenen Prämienzahlungen bei Firmenübernahmen verbreitet sich auch gerade deshalb so weit, weil die offenbar erfolgsunabhängig gezahlt werden. Auch hier wäre es eher ein Segen, wenn die Übernahme entsprechender Verantwortung mehr wegen der damit verbundenen Herausforderung übernommen würde, als am Ende eines Strebens nach dem größtmöglichen Einkommen zu stehen.
Letzten Endes ist es eine Frage, was wir Menschen uns gegenseitig zutrauen. Müssen wir zum Guten gezwungen werden, muss man uns erst mit dem eher niedrigen Beweggrund des Besitzstrebens nötigen, überhaupt aktiv zu werden? Oder könnte man darauf vertrauen, dass wir das Nötige tut, weil es einfach getan werden muss, weil man anderen und sich selbst einen guten Dienst damit erweisen kann?
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg will allerdings nicht 1:1 in unsere Lebenswelt als Vorbild umgesetzt werden. Es will uns etwas über Gottes Großzügigkeit erzählen. Aber es kann uns auch darüber befragen, welchen Wert wir unserem eigenen Tun heutzutage zumessen. Muss es immer mit Geld aufgewogen werden, um in seinem Wert auch die angemessene Anerkennung zu erfahren? So angenehm das auch wäre, so sicher gilt auch: Es geschieht viel Gutes, ohne dass es bis auf den letzten Cent in Geld aufgewogen werden könnte. Und in vielen Fällen wäre das auch absolut unangemessen. Wollten wir wirklich für jeden Freundschaftsdienst bei einem Krankenbesuch etwa bezahlt werden? Natürlich nicht.
Auch in der Wirtschaft brauchen wir wieder eine andere Art von Wertvorstellung. Es muss die Verantwortlichen dort mit größerer Befriedigung erfüllen, wenn sie mit ihren Entscheidungen das Wohl möglichst vieler Menschen vergrößern statt allein auf Gewinnmaximierung für Anteilseigner zu setzen. Aber das hieße auch, sich mehr Gedanken um den Erhalt von Arbeitsplätzen zu machen, statt mit immer unsinnigeren Umstrukturierungen und diesen dann folgenden Entlassungen bei den Analysten an den Börsen punkten zu wollen.
Eigentlich sollte die Genugtuung über etwas Erreichtes immer größer sein als die Freude über den dafür empfangenen Lohn. Damit blieben wir dann auf der Spur der biblischen Weisheit, dass das wirklich Wichtige im Leben letzten Endes immer geschenkt wird: Das Leben selbst, Gesundheit, eine glückliche Familie, Zufriedenheit und nicht zuletzt: die Liebe.
Mit den besten Wünschen für Sie verabschiedet sich aus Münster Pfarrer Thomas Thilo von der evangelischen Kirche.
Verdient oder geschenkt - vom wahren Wert menschlicher Arbeit
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