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Heute noch von Gott reden?
Hat die Kirche mir ihrem Reden von Gott ausgedient? Kann man das alles ausrangieren und auf dem Müllhaufen einer fehlgeleiteten Religionsgeschichte beerdigen?
Sind wir endlich darüber hinausgewachsen, endlich emanzipiert, als Menschen ethisch und schöpferisch erwachsen? Haben wir das Reden von Gott noch weiter nötig?
Die Wissenschaften und die Künste haben sich spätestens vor zweihundert Jahren von der Vormundschaft der Kirche und ihres Glaubens befreit. Die Kenntnisse der Medizin, in alter Zeit das Geheimnis der Priester, sind allen zugänglich. Die Musik ist nicht mehr nur geistliche Musik. Die Malerei ist aus Kirchen ausgewandert und nimmt sich ihre Themen, wo sie sie findet. Die Theologie ist an den Universitäten längst nicht mehr die Königin der Wissenschaften, sondern wird eher in eine Randexistenz gedrängt. Für die Entstehung der Welt haben wir die Urknalltheorie und für die Steuerung des Lebens und bald auch für die gezielte Reproduktion und Erhaltung die Gentechnologie. So können wir weiter aufzählen. Wozu noch von Gott reden?
Seit langer Zeit nährt sich in unserer Kultur aus solchen Feststellungen ein breiter Strom des Atheismus. Dazu kommt häufig eine billige Variante der Bibelkritik, die biblische Texte nicht sachgemäß liest und deshalb zu Fehlurteilen kommt. Das einfachste Beispiel: Weil die Erde und das Leben auf der Erde wissenschaftlich nachweisbar nicht in sechs Tagen entstanden sind, die Bibel aber in den Anfangszeilen von den sechs Tagen der Schöpfung spricht, kann also die Bibel insgesamt nicht wahr und vertrauenswürdig sein. Hier ist nicht sachgemäß gelesen. Der biblische Text bietet eben keine wissenschaftliche Darstellung, sondern ein literarisches Bekenntnis, katechismusartig formuliert. Damit man sich alles besser merken kann, wird die bekannte Sieben-Tage-Woche als Gerüst gebraucht.
Aber viele haben nur gehört: Es stimmt nicht so, wie es in den Buchstaben steht und damit ist das Urteil gefällt: Die Geschichten stimmen nicht, das mit Gott auch nicht. Inzwischen ist längst eine andere Einsicht gewachsen: kaum ein Wissenschaftler, der sich mit der Entstehung des Lebens befasst, ist heute noch der Meinung, das Leben verdanke sich einem Zufall...
Und weiter: dass die Wissenschaften und die Künste sich von der Herrschaft der Kirche und der Theologie befreit haben, das mögen hier und da in den Kirchen noch manche bedauern, aber ist in vielen Dingen nur gut. Unter anderem ist damit immer wieder ein kritischer Einwurf zu erwarten, wenn an einer Stelle die Verführung zum Fundamentalismus droht. Bestimmte radikale Spielarten des Islam führen uns vor Augen, wohin es kommen kann, wenn eine solche Bewegung der Kritik und Aufklärung fehlt. Und wenn die Gegenseite ebenso fundamental, vermeintlich christlich, reagiert, sehen wir das als Verrat am christlichen Glauben.
Überhaupt: Befreiung der Künste und Wissenschaft vom Diktat der Kirche und der Theologie - ist das mit der Abschaffung Gottes gleich zu setzen? Wie klein und sparsam würden wir dann von ihm denken. Wie geizig und eng! Als wenn er sich nur als Konkurrent des menschlichen Geistes verstehen müsste! Ich sehe es lieber anders: ich sehe mich von Gott mit Leben und Geist beschenkt und muss nicht mit ihm konkurrieren. Ich kanns auch nicht. Und er? Er wird lieber Mensch, damit wir ihn endlich erkennen.
Heute noch von Gott reden?
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