Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.02.07, 6.56 Uhr, Pfarrer Eko Alberts

Glaube ist nie fraglos

Glauben, Gott vertrauen, das ist nicht selbstverständlich. Ist uns auch nicht in die Wiege gelegt. Der Mensch mag unausrottbar religiös sein. Das ist seine Neigung.

Aber Glaube ist nicht Neigung. Wer glaubt, wird auch angefochten.

Vor einigen Jahren kamen zwei junge Erwachsene zu mir. Sie wollten bald heiraten. Aber zuvor war da noch einiges zu klären. Der Mann war den Weg gegangen, der bei vielen unter uns üblich ist: Als Kind getauft, später Kindergarten, Schulen, Ausbildung und dann Berufstätigkeit. Zwischendurch auch Konfirmandenunterricht und Konfirmation.

Bei der jungen Frau war die Entwicklung eigentlich vergleichbar gewesen - nur hatte sie absolut keinen kirchlichen Hintergrund. Und eben dies sollte noch geklärt werden. Die junge Frau wollte getauft werden. Zu den Gesprächen zur Taufvorbereitung kamen beide immer gemeinsam. Es war natürlich wichtig, vor allem ihre Fragen aufzunehmen. Und auffallend: Beide hatten sofort die gleichen Fragen: Wie verträgt sich der Glaube an Gott mit dem Leid in der Welt?

So ist die Frage noch schlicht und ganz undramatisch formuliert, aber es ist ja eine der ganz großen Fragen der Anfechtung, eine Frage tiefer Verunsicherung für jeden Glaubenden, die damit gestellt ist. Wer die Bilder unschuldigen Leidens sieht, wer die Schreie der Gefolterten hört, wer Nacht für Nacht dreimal, fünfmal für den schwer an Krebs erkrankten Partner aufstehen muss oder gar selbst eine böse Krankheit erleidet, der kann nicht mehr fraglos und klaglos vom lieben Gott reden. Vielleicht, wahrscheinlich sucht und tastet er gar nach Gott und ist seine Ratlosigkeit und sein Seufzen ein Gebet, ein Hilferuf aus dem Herzen - aber die Selbstverständlichkeit des Glaubens hat er längst verloren - oder wie die beiden jungen Menschen, die zu mir kamen, nie besessen.

Übrigens hat uns diese Frage nach Gott und dem Leiden in den Gesprächen immer wieder begleitet. Wir konnten sie nicht nach dem ersten oder zweiten oder dritten Gespräch als erledigt abhaken. Warum nicht ?

Weil es eine einfache Antwort auf sie nicht gibt. Glauben heißt nämlich auch, mit dieser offenen Frage zu Gott selbst zu gehen. Im Kontakt mit ihm lernen wir es zu ertragen, dass diese Frage für unser Denken und Glauben offen ist und bleibt. Und wir üben das Vertrauen, dass der Tag kommt, an dem wir ihn nichts mehr fragen werden. Weil dann alle Tränen abgewischt sind und alles Leid getröstet ist, kein Weinen und kein Geschrei mehr ist und auch der Tod vergangen. Bis dahin aber brechen die Fragen der Anfechtung immer wieder auf. Als Christenmenschen dürfen wir damit zu Gott gehen in Gebet und Klage, in Verzweifeln und Hoffen.

Wer diesen Schritt wagt, der ist dabei, "die Anfechtung zu erdulden", wie die Bibel einmal sagt. Dieses "erdulden" meint nicht "klaglos hinnehmen". Es bedeutet eigentlich "darunter bleiben", also: es damit aushalten. Wer glaubt, hält die Frage aus und läuft nicht vor ihr davon. Er lässt sich eine nur vorläufige Antwort geben und wirft die Hoffnung nicht weg. So ist er der Mensch, der die Anfechtung erduldet. Sein Glaube wird auf ungeheure Proben gestellt. Aber er kann sich bewähren.

 

Audiobeitrag Glaube ist nie fraglos


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