Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.01.07, 5.56 Uhr, Pfarrer Jönk Schnitzius

Ein strenger Richter

Es gibt Tage, an denen ist einfach alles gut. Von Anfang an. Die Nacht war erholsam, die Sonne scheint, der Kaffee riecht schon gut und das Wasser aus der Dusche

ist direkt angenehm warm. Das Leben ist einfach ok. Es gibt so Tage.

Dieser scheint nicht so einer zu sein. Heute ist alles höchstens mittelprächtig. Okay, ist alles halb so schlimm. Ist ja auch das richtige Leben und nicht von Warner Brothers. Nur - dann kam die Sache mit dem Spiegel. Der Spiegel im Badezimmer. Genauer: Mein Spiegel, in meinem Badezimmer. Das Problem: mit meinem Gesicht.

Nicht, das ich jetzt so fürchterlich aussehen würde – eigentlich finde ich, sehe ich ganz ok aus – das war nicht, was schlimm war, jedenfalls nicht heute. Es war schlimmer. Weil, das Gesicht das ich dort in meinem Spiegel sah – mein Gesicht – konnte sprechen. Und zwar ohne den Mund zu bewegen.

Es sagte so fürchterliche Dinge wie: „Na, du Memme. Du packst es einfach nicht. Warmduscher. Hast dich mal wieder nicht getraut, zu dir zu stehen, was? Feigling. Warst mal wieder lieb und nett. Wie konntest du nur? Peinlich.“

Wie gesagt: Kein guter Tag heute.

Man steht auf, geht in´s Badezimmer und wird völlig unerwartet mit einem Gesicht konfrontiert, das einen fertig macht. Dem Eigenen.

Und jetzt: einfach durchrasieren? Oder was? Ich mein: Was sag´ ich dem? Jemandem einfach den Mund zu verbieten, der noch nicht einmal die Lippen bewegt funktioniert jedenfalls nicht. Der redet einfach weiter. Oder sollte ich sagen: Der verliest Anklageschrift und Urteil in einem?

Was sag´ ich mir um 5.30 Uhr, erst halb wach, aber bereits ganz offen für Selbstanklagen diverser Art?  Sie einfach zu ignorieren, hilft nicht. Der Richter im Spiegel macht einfach weiter. Und es sieht nicht gut für mich aus.

Anklagen anderer sind da meist milder. Die Richtersprüche an ordentlichen Gerichten auch, wenigstens gibt es da einen Anwalt. Sich selbst zum Richter zu werden, bedeutet dagegen meist Strenge und wenig Verständnis.

Also: was sag´ ich? Ich sage: Das ist nicht die ganze Wahrheit. Ich bin ein Geschöpf Gottes. Genau wie du. Du Ankläger. Und man sagt: Gott sprich frei. Sogar davon sich selbst fertig zu machen. Und Gott schaue einen liebevoll an, auch wenn man sich selbst überhaupt nicht so fühlt.

Ok, denk ich. Gott spricht frei. Gott schaut liebevoll. Und überhaupt – mit welchen Augen will Gott denn schauen? Um 5.30 Uhr in diesem Badezimmer? In diesem Moment geschah etwas für diesen Tag sehr Bedeutsames. Das Gesicht lächelte. Und ich grüßte freundlich zurück. Der Tag konnte kommen.

 

Audiobeitrag Ein strenger Richter


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