Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.02.07, 5.56 Uhr, Pastorin Beate Raguse

Deutschland ein Jammertal?

Das Jammertal ist das liebste Ausflugsziel der Deutschen, das behauptete Anfang Dezember Bundesfinanzminister Peer Steinbrück.

Er spitzt zu, was Wirtschaft und Politik derzeit gerne propagieren: Wir Deutschen seien ein Volk, das zum Schwarzsehen neige. Das äußere sich  im ständigen Nörgeln und Jammern.

Man könnte auch sagen im „Klagen“, doch der Begriff wird vermieden.  Warum wohl? Vielleicht weil das Wort „Klage“ an das denken lässt, worauf man einen rechtlichen Anspruch hat.  An das Recht auf Arbeit zum Beispiel oder auf Bildung. Deshalb spricht man lieber vom „jammern“. Ein Wort, das Assoziationen weckt wie weinerlich und jämmerlich, und den, der sich beklagt, schnell mal als Jammerlappen dastehen lässt.

Doch wo stecken sie, die ewig Jammernden?

Wer einen Grund hätte, zu jammern, ist zum Beispiel mein Nachbar. Der hat im heißen Sommer 12 Stunden täglich Getränkekisten geschleppt.  Die Firma hatte ihm für die Zeit danach einen Bürojob versprochen , doch seit Mitte September steht er schon wieder auf der Straße. Oder Kai. Auch er wohnt in meiner Strasse und hätte Grund, zu jammern. Er lebt nämlich seit kurzem von Hartz IV. Von dem wenigen Geld, das er durch Nachhilfe verdient, muss er den größten Teil wieder abgeben und lebt deshalb unterhalb der Armutsgrenze. Auch er jammert nicht, sondern er bewirbt sich immer wieder. Nur seine Freundin Heike klagt manchmal. Seit die Einrichtung, bei der sie arbeitet, die „Schlafbereitschaft“ eingeführt hat. Was soviel heißt wie: Spätdienst, nachts im Dienstzimmer schlafen, und morgens direkt einen kurzen Frühdienst. Am Wochenende ist sie allein verantwortlich für acht geistig- zum Teil mehrfach behinderte Menschen. Manchmal jammert Heike. 

Verständlich, wie ich finde. Denn Jammern, das lehrt das Wörterbuch, ist ein Ausdruck von  Traurigkeit. Das Wort hat lautmalerisch betrachtet etwas von einem Schmerzenslaut. Und:  Jammern hängt mit Sehnsucht zusammen. Wer jammert, sehnt sich. Er will raus aus dem Jammertal, will, dass sich etwas zum besseren verändert. Damit steht er in einer guten Tradition. In der biblischen.

Das Alte Testament erzählt nämlich vom Wirken der Propheten. Und das bestand –auch- im Kritisieren. Verfehlte Politik, soziale und kultische Missstände haben die Propheten den Mächtigen vor Augen gehalten.  Wieder und wieder  beklagten sie die soziale Kluft. Doch sie beließen es nicht beim Jammern. Die Propheten klagten nämlich nicht im stillen Kämmerlein, sie gingen mit ihren Forderungen auf die Straße, auf den Markt, zu den Mächtigen. Manchmal unterstützten sie ihre Worte mit einer sogenannten Zeichenhandlung, neudeutsch: Demonstration.

Nicht im Stillen klagen, sondern seine Meinung laut sagen, das können wir von den Propheten lernen. Damit niemand im Schmerz stecken bleibt. Damit aus unspezifischer Sehnsucht klar formulierte Ziele werden. Damit die Macht spürbar wird, die vom Volk ausgeht. Damit die fixen Ideen von Einzelnen sich zu handfesten Interessen von Vielen bündeln. Und: damit die Volksvertreter statt über ihr Volk zu jammern gezwungen sind dessen Interessen wieder ernst zu nehmen. 

Audiobeitrag Deutschland ein Jammertal?


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