Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.01.07, 8.05 Uhr, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Ist auf mich verlass?

"Ich habe ihn verlassen, weil ich mich auf ihn noch nie verlassen konnte!“ So bringt es eine Frau auf den Punkt, als sie nach dreißig Jahren ihren Mann verlässt.

Kann mir  das auch passieren, dass ich  verlassen werde, auf mich kein Verlass ist? Bin ich  ein verlässlicher Mensch? Diese Fragen stelle ich mir, wenn mir solche Erfahrungen berichtet werden. Ich heiße Rüdiger Schnurr und bin evangelischer Pfarrer in Hilchenbach  im südlichen Westfalen.

Kann man sich auf mich verlassen? Ich denke, am Anfang eines Jahres ist das eine gute Frage. Denn das braucht jeder, einen Menschen auf den er sich ganz und gar verlassen kann.

Immer wieder wird von Brautpaaren im Traugespräch das mit an erster Stelle so vorgebracht: „Ich muss mich auf den Menschen, mit dem ich ein ganzes Leben verbringen will, hundertprozentig verlassen können.“ Ich widerspreche nicht,  und wünsche im Stillen, dass diese Erwartung niemals enttäuscht werde. Denn vor mir stehen in diesem Augenblick  immer zwei ganz gegensätzliche Erfahrungen aus meiner Berufspraxis:

Da war ein junges Paar, mit dem ich die Trauung vorbereitet und schließlich auch durchgeführt habe. Kräftig bestätigten Sie damals einander ihr Ja-Wort vor Gott und der Gemeinde. Sechs Wochen später erfuhr ich, dass die Ehescheidung im Gange sei. Ihr Treueversprechen hatte noch nicht einmal die Hochzeitsnacht überdauert. Man fasst es nicht. Wie gedemütigt muss sich der Ehepartner vorgekommen sein – und wer wollte jemals wieder jemandem vertrauen, der so schnell sein Wort bricht? War das alles nur ein Schauspiel gewesen?

Solche Erfahrungen könnten einen Pfarrer an dem Sinn seiner Arbeit zweifeln lassen, wenn es nicht auch ganz andere Erlebnisse geben würde: Ungefähr zur selben Zeit: Ein Gottesdienst anlässlich einer Eisernen Hochzeit musste vorbereitet werden. Als ich wie verabredet zum Vorgespräch ins Haus kam, wurde mir von der Familie gesagt, dass die beiden Hochbetagten immer früh zu Bett gehen würden. Ein Tag sei mittlerweile für sie oft zu lang und zu beschwerlich. Aber ich könne zu Ihnen ins Schlafzimmer gehen, sie seien noch wach und erwarteten mich.

Und dort lagen sie nebeneinander und hielten sich an der Hand wie in jungen Jahren. Ein anrührender, wunderschöner und ermutigender Anblick.  Beide um die neunzig und seit 65 Jahren ein Ehepaar.  Zwischen ihnen war ein fragloses Vertrauen zu spüren.  Dass sie sich ein Leben lang  immer aufeinander verlassen konnten, dass brauchte mir keiner extra zu versichern, das sah ich mit eigenen Augen.  So, wie die beiden miteinander gelebt, sich angenommen und vielfach auch ausgehalten haben, so war es gut.

Das wurde dann für alle, die dabei waren, nicht nur für das Jubelpaar, ein ehrliches und dankbares Fest zur Eisernen Hochzeit.  So kann es also auch werden. Und das besiegt immer wieder neu die Sinnzweifel, die einen überkommen können.

Zwei gegensätzliche Erfahrungen: hier die lebenslange Vertrautheit des Eisernen Hochzeitspaares  und dort die katastrophale Ernüchterung bei den beiden, deren Ehe schon in der Hochzeitsnacht vorüber war. Alltäglich sind sie nicht. Solche Erfahrungen  machen nicht viele, aber irgendwo dazwischen können wir uns ansiedeln.

Ich stelle mir vor,  dass wohl alle gerne dem Idealbild der beiden glücklichen Alten nahe kommen wollen. Natürlich: anders geht es nicht. Ich muss mich hundertprozentig auf den, den ich liebe, verlassen können. Das ist ein guter Wunsch, eine notwendige Voraussetzung für eine glückliche, erfüllte Ehe. Doch nicht nur eine Partnerschaft lebt von der Verlässlichkeit.

Kann man sich auch im Beruf auf mich verlassen? Bin ich für meine … Sie für Ihre Freunde da? Sehr schnell kann man sich diesen Fragen entziehen, indem man auf eigene schlechte Erfahrungen, auf  selbst erlebte Enttäuschungen hinweist.

Jeder von uns kann andere Menschen aufzählen, von denen wir bitter enttäuscht worden sind. Jetzt haben ihre Namen bei uns keinen guten Klang mehr. Ja, oft genug vermeiden wir es, von ihnen zu sprechen. Die Gemeinschaft untereinander ist zerstört. Soll man sich zufrieden geben mit der Einsicht: „Nobody is perfect?“ – Keiner ist vollkommen. Natürlich hat Verlässlichkeit auch mit dem Charakter eines Menschen zu tun. Aber ist es ein unabwendbares Schicksal, der Mensch zu sein, der man halt ist?

Die Antwort der Bibel darauf ist ein grundsätzliches Nein. Der Glaube an den menschenfreundlichen Gott, der uns in der Bibel begegnet, setzt auf die verändernde Kraft Gottes. Wie können wir zu Menschen werden, auf die Verlass ist? Es geht nur so, dass wir selbst die Erfahrung eines zuverlässigen Gegenübers machen, bei dem wir lernen können, was Zuverlässigkeit, - was Treue  - ist. Im Vertrauen auf Gott ist diese Erfahrung möglich.
 
Manchmal kann man als Pastor im Konfirmandenunterricht eine kleine Sternstunde erleben. Wir hatten uns den Psalm 23 vorgenommen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Was unter „mangeln“ zu verstehen ist, verstehen Dreizehnjährige nicht gleich auf Anhieb. Auch dass Gott „meine Seele erquickt“, ist keinem Teenie geläufig.

Nachdem das geklärt war, stellte ich diese Frage: „Kann mir einer erklären, was der Satz bedeutet: ‚Er, also Gott der Herr, führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ Am liebsten hätte ich die Frage gleich wieder zurückgezogen, denn kaum ausgesprochen, konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein Konfirmand darauf antworten sollte. Kurzes Zögern in der Runde, zaghaft geht schließlich ein Finger nach oben. Imke meldet sich. Ich nehme sie dran: „Imke, du hast eine Idee!“ Sie nickt: „Ja, also, ich versteh das so: Um seines Namens willen heißt…, wenn Gott das nicht täte, also wenn er einen falsch führen würde, dann würde er doch sein Gesicht verlieren, dann würde er sich blamieren, weil man sich auf ihn nicht verlassen kann.  Also: führt er uns nicht falsch.“

Kann man’s besser sagen?
Nein – um seiner selbst willen,
um er selbst zu bleiben,
wird Gott mich nicht in die Irre führen.

Gott ist zuverlässig, weil es zu seinem Wesen gehört. Psalm 23 ist wohl gerade darum für unzählige Menschen so wichtig geworden, weil er in das Vertrauen auf Gott hineinführt. Sogar Immanuel Kant bekannte, dass er mit all seinem Denken nichts Besseres gefunden habe als diese vier Worte aus dem Psalm: „Du bist bei mir!“ Wer mit dem Vertrauen auf Gottes Hilfe und Führung seinen Weg geht, der wird im Leben eine stärkere Persönlichkeit sein können, als einer, der sich ständig Sorgen macht. Und so habe ich es ganz oft an Menschen erfahren: wer Gott vertrauen kann, von ihm seine Stärke erhält, auf den werden andere sich eher verlassen können.

Mir fallen dazu immer die Bezirksfrauen unserer Gemeinde ein, sie besuchen die Alten und Kranken, machen das zum Teil schon seit vielen Jahren und lassen sich auch im hohen Alter nicht durch Wind und Wetter davon abbringen, solange es ihre Kräfte zulassen. Immer wieder bestätigen sie, dass sie das nicht machen würden, wenn sie nicht wüssten, dass sie nicht alleine sind. Gott gehe doch mit ihnen. Sie geben an die Menschen, die so leicht vergessen werden, das weiter, was sie selber erfahren: Zuverlässigkeit und Treue. "Mit Gottes Liebe  das Leben  und  die Menschen lieben." 

So könnte man ihre Motivation beschreiben. Dieser Satz stammt von Dag Hammarskjöld, der seine Arbeit als UNO-Generalsekretär in der Zeit des Kalten Krieges aus einer tiefen Verwurzelung im Glauben heraus leistete. Ihm war schon der Friedensnobelpreis zuerkannt worden, da stürzte sein Flugzeug im Kongo Aus bis heute nicht völlig geklärter Ursache ab, und er und seine Begleiter fanden den Tod.
Er hatte sich mit seinem selbstbewussten und unbeirrbaren Friedenswillen auch Feinde gemacht. In dem Gepäck fand man sein Tagebuch. Darin hatte er festgehalten woher er seine Kraft bezog, auch in den schwierigsten Situationen standzuhalten.

In einem Buch hatte er sich schon in jungen Jahren den Satz angestrichen: „Der Christ lässt Gott sein Leben verdichten." Also so, wie ein lockerer Boden verdichtet wird, damit er genügend Festigkeit bekommt und dann als Fundament geeignet ist, so wollte Dag Hammarskjöld sein Leben durch Gott festigen lassen. Er konzentrierte sein Leben auf Gottes Liebe und konnte so seinen Weg unbeirrbar gehen.  Er wurde zu einer Persönlichkeit, auf die gerade die Menschen, die zu den Spielbällen der Politik geworden waren, ihr Vertrauen setzten. Sie fanden in Dag Hammarskjöld einen zuverlässigen und mutigen Sachwalter von Frieden und Gerechtigkeit. Wer auf Gott vertraut, erkennt, wie Gott das Leben begleitet.  Die treuen Bezirksfrauen in ihrer überschaubaren Nachbarschaft genauso, wie einer, der sein Leben von Gott „verdichten“ lässt, sogar in den Konflikten und Krisen dieser Welt.

Meine guten Vorsätze für dieses Jahr lassen sich auf den einen Wunsch reduzieren: Ich will auf Gott vertrauen, ich will mich auf ihn verlassen, damit ich selbst zu einem Menschen reifen kann, auf den Verlass ist. Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Rüdiger Schnurr von der Evangelischen Kirche.

 

Audiobeitrag Ist auf mich verlass?


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