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Theodor Fliedner als Romanfigur
Jesu, geh voran auf der Lebensbahn
, dieses alte Kirchenlied wird hier in der Mutterhauskirche von Kaiserswerth häufig bei den Andachten der Diakonissen gespielt.
Noch gibt es einige Diakonissen der alten Form in Schwesterntracht und weißer Haube. Ansonsten erinnert in Kaiserswerth kaum noch etwas an das Elend eines wachsenden Arbeiterproletariats Anfang des 19. Jahrhunderts, das der junge Pfarrer Theodor Fliedner hier vorfand. Zutiefst berührt von der Not gründete er mit seiner Frau Friederike 1836 die erste Diakonissenanstalt in Deutschland. Dort kümmerten sich Diakonissen um strafentlassene Frauen, Kranke oder Waisenkinder. Stoff für einen Roman, fand die Werbetexterin Gina Mayer:
O-Ton: Also, er muss ja schon eine große Faszination gehabt haben, sonst hätte er das so nicht geschafft! Also er muss auch über sein Geschäftsmannwissen, , muss er auch ein charismatischer Mensch gewesen sein, denn er hat dieses Unternehmen hochgezogen und auch sehr viele Frauen gefunden, die ihn unterstützt haben. Autorin: Aus Gina Mayers Faszination ist ein dicker historischer Roman geworden, über die Anfänge der heutigen Kaiserswerther Diakonie, eines der größte Werke in Deutschland. Der Buchtitel: Die Protestantin. Er bezieht sich auf eine der frei erfundenen Frauengestalten: die Arbeitertochter Johanne. Das Interessante ist jedoch, dass dieses Buch keine brave Geschichtserzählung ist, sondern lauter Fragen aufwirft, die heute so aktuell sind wie damals: Wenn Gott die Menschen liebt, wieso lässt er sie so leiden? empört sich etwa die schöne Florine im Haus für Strafentlassene. Für sie ist Fliedners strenge Frömmigkeit wie ein neues Gefängnis:
Sprecherin: (S. 190) Das ist doch nichts als Lüge! Sie erzählen dir vom Herrn im Himmel, der dich nach dem Tode aus dem Elend befreit, damit du dich im Diesseits nicht gegen die Zwänge auflehnst, die dich niederdrücken. Florine streckte ihre geballten Fäuste zum Himmel, als wollte sie Gott herausfordern. Gefügig wollen sie dich damit machen, sonst nichts.
O-Ton: Und dann habe ich gemerkt, dass ich mich mit den Fragen auch auseinandersetzen muss. Und dass die Fragen, die auftauchen, dass ich mir die erst mal selber stellen muss, bevor die Charaktere in dem Buch sich die stellen können, klar. Autorin: Du bist ein Gott, der mich sieht, heißt es im biblischen Monatsspruch für den Januar 2007. In Gina Mayers Buch Die Protestantin spielen Glaubensfragen eine zentrale Rolle. Aber durch die Vielzahl ihrer Figuren rings um Fliedner gibt es sehr gegensätzliche Antworten. Die kämpferische junge Catherine etwa glaubt irgendwann nicht mehr, dass Gott sieht, dass er sich um das Elend des Proletariats kümmert. Sie schließt sich den Revolutionären an. Ihre ältere Schwester Johanne dagegen arbeitet weiter für die Diakonie. Beide engagieren sich auf ihre Art für eine menschlichere Welt. Ein Buch, das spannend ist, gerade weil es keine einfachen Antworten präsentiert.
O-Ton: Ich freue mich immer, wenn das, was an meinen Fragen es sind ja wirklich offen Fragen - wenn das so rüber kommt. Und wenn jemand sagt, das hat mich berührt oder bewegt. Ich glaube, religiöse Themen sind jetzt allgemein wieder sehr im Kommen und haben eine große Faszination. Und für mich auch!
Autorin: sagt Gina Mayer und lässt ihre Hauptfigur Johanne, die Protestantin, schließlich nach langem Ringen eine Lösung finden, jenseits aller Bigotterie und moralischen Enge:
Sprecherin: (S. 458) Es ist so widersinnig. All dieses Gerede von der Abkehr von Gott .... Wie sollten wir uns denn von Gott entfernen können, wie sollten wir uns von ihm abwenden, wenn er doch überall ist.
Literaturhinweis: Gina Mayer: Die Protestantin. Diana Verlag, München 9/2006, 672 Seiten, 9.95 Euro (Taschenbuch)
Theodor Fliedner als Romanfigur
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