Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.01.07, 6.56 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Die Sonntagsruhe

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Ich bin keine Frühaufsteherin. Unter der Woche muss ich mich richtig zusammenreißen,

um morgens rechtzeitig aus dem Bett zu kommen und meine Sachen auf die Reihe zu kriegen. Am Wochenende ist das komischerweise etwas anders. Besonders sonntags stehe ich oft als erste auf. Manchmal ist es noch so früh, dass auch in der Nachbarschaft noch alle Rollläden heruntergelassen sind und man noch niemanden sieht und hört. Wenn es halbwegs schönes Wetter ist, gehe ich dann immer nach draußen. Die Luft ist so frisch und klar, viel sauberer als sonst…jedenfalls kommt es mir so vor. Der Tag liegt vor mir…noch ganz unberührt. Was für ein Genuss!

Überhaupt ist das interessant: Den Genuss eines heiligen Tages der Ruhe und Erholung scheint nach allen bisherigen Forschungen eine Erfindung des jüdischen Volkes zu sein. Diesen Luxus, den sich die Juden seit mehreren tausend Jahren allwöchentlich gönnen, gab es in anderen Völkern nicht. Der christliche Sonntag und auch der islamische Feiertag, der Freitag, verdanken sich also dem jüdischen Sabbat.  „Wenn du das jüdische Volk zerstören willst, nimm ihm zunächst seinen Sabbat“.. solche und ähnliche Sätze aus jüdischen Legenden zeigen, was für ein hohes Gut der Sabbat für die Juden ist. Er ist der Mittelpunkt ihres spirituellen Lebens. So stellen sich die Juden den Sabbat auch vor wie eine Braut, die erwartet wird. Mit ihrem Kommen am Freitagabend bei Sonnenuntergang beginnt das Fest, die Feier, die Erholung von der Mühe der Arbeit. Übrigens auch für Ochs und Esel. Auch die Tiere, auch die Natur sollen und dürfen zur Ruhe kommen. Die jüdische Dichterin Rose Ausländer beschreibt diese Feststimmung in einem Gedicht:

Sprecher:
Heute ist
die Haut der Erde
Zart

Das Messer schläft
das Feuer schläft

Am Scheitel der Mutter
Der Friedensengel
Bewacht das Haus

Weißbrot und Wein
Gast
Unser König

Wir singen
den siebenten Tag
wir rühmen
die Ruh

Was meinen Sie übrigens, welches hier bei uns in Deutschland der ruhigste Morgen des Jahres ist? Vermutlich ist es der 1. Januar, aber der 25. Dezember ist auch unglaublich ruhig. So viel Stille, wie an diesen beiden Tagen gibt es dann das ganze Jahr nicht wieder. „Gedenke des Sabbattages und heilige ihn.“ Ein kleiner Satz aus der Bibel, aus den zehn Geboten. 3000 Jahre alt. Ist das nun, heute im Jahr 2007, out oder in? Ist das ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können oder einer, den wir dringender brauchen denn je? Ist das ein Gebot das uns einengt? Mich jedenfalls nicht. Für mich ist es eine Einladung, die uns Genuss und Lebensqualität schenkt.

Audiobeitrag Die Sonntagsruhe


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