Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.01.07, 8.56 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Kulissen des Glücks

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, „Gültig bis 31.12.2006 - nicht übertragbar.“ Ich weiß nicht, wie viele Kataloge, Gutscheine,

Rabbat- und Kreditangebote mir in den letzten Wochen des alten Jahres noch ins Haus geflattert sind.  „10.000 € zur Erfüllung Ihrer Wünsche“ stand da z.B. in dicken blauen Lettern auf dem Briefumschlag einer Bank. Und dann: „Der credit mit Sicherheitsgurt: Verantwortungsvoll, partnerschaftlich, einzigartig.“

Fast hätte ich zum Telefon gegriffen, um die Mitarbeiter der Bank mit der Frage zu drangsalieren, was sie daran so partnerschaftlich, so verantwortungsvoll und erst recht so einzigartig finden, wenn man mir auf diese Weise einen Kredit von 10.000 € aufschwätzen will.

„Wir sind umstellt von den Kulissen des Glücks“ so beschreibt der Soziologe Gerhard Schulze unsere Zeit. Wir können uns ihnen kaum entziehen, wohin wir auch gehen. Die Kulissen des Glücks, diese Werbemanöver aller Art – erwarten uns, verfolgen uns, bedrängen uns. Sie sind immer schon da. „Kulissen des Glücks“ – diese Formulierung spricht für sich, denn damit ist klar…Glück ist womöglich etwas anderes. Diese Angebote sind oftmals nur Attrappen, Pappkameraden, beklebt, bedruckt, bemalt. Sie täuschen etwas vor, das Glück, die Freiheit, die Entspannung, die Zufriedenheit…! Eine Garantie für Glück – ein Sicherheitsgurt gar für das Glück - sind sie jedenfalls nicht.

Es gibt Orte, wo ich das Gefühl habe, dem Glück oder zumindest der Sehnsucht nach Glück sehr viel näher zu sein. Denn viele von uns wissen sehr genau aus ihrem eigenen Erleben heraus, was glücklich macht.

Das sind die Bücher, die sich in vielen geöffneten Kirchen finden. Bücher, in die Menschen ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Gebete schreiben können.

Sprecher: „Ich danke unendlich für meine Gesundheit und alles, was ich bisher im Leben hatte“.

Sprecherin: „Danke für die Liebe, für den Frieden und die Kraft, unangenehme Dinge zu bewältigen.“

Sprecher: „Danke für den schönen gestrigen Abend mit Ulrike, die mir immer mehr ans Herz wächst. Und…bitte, bitte lass mich dem Kokain gegenüber nicht wieder schwach werden. Hilf mir, Gott“

Sprecherin: „Ich glaube nicht an die Kirche, aber an irgendetwas dort oben. Und ich hoffe, dass der Mensch, den ich über alles liebe, nicht aufgibt und für sein Leben einen Sinn findet.“

Sprecher: „Danke Gott, dass du bei mir bist. Danke, dass du in mir wohnst.“

Solche Gedanken schreiben Menschen in die Bücher, die in den Kirchen ausliegen.Darin geht es nicht mehr um „Kulissen des Glücks“, um Attrappen. Sondern hier wissen Menschen, was glücklich macht und was traurig. Davon erzählen sie, darüber schreiben sie, das beten sie zu Gott. Wie beglückend ein Abend mit einem Menschen ist, den man mag.

Was für ein Geschenk es ist, wieder zu Kräften zu kommen, gesund zu werden, gesund zu sein, wenigstens halbwegs. Wie sich das anfühlt, den Boden unter den Füßen zu verlieren, süchtig zu werden und dadurch sein eigenes Leben zu zerstören. Wie hell der Himmel wird, wenn die Sucht überwunden ist. Wie gut es ist, zu spüren, dass Gott an unserer Seite ist, mehr noch, in uns wohnt, uns von innen heraus stärkt. Nein, wir brauchen uns von keiner Werbung vorschreiben zu lassen, was uns glücklich macht. Wir alle haben erlebt, worauf es ankommt.

Audiobeitrag Kulissen des Glücks


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