Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.01.07, 8.56 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Die Kopftuchfrage

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Es gibt ein Thema in Deutschland, über das man sich im Handumdrehen mit seinen besten Freunden zerstreiten kann. Der Islam.

Alle haben dazu was zu sagen, weil alle darüber was im Fernsehen gesehen oder auf der Straße erlebt haben. Während der Fußballweltmeisterschaft kam ich mit drei Engländern ins Gespräch - über den Islam. Ich versuchte ihnen zu erklären, weshalb wir Deutschen uns so viel und so häufig mit dem Kopftuch befassen. Kaum reden wir über den Islam, diskutieren wir über das Kopftuch und die muslimischen Frauen, die es tragen müssen. Die Engländer blickten sich untereinander an, schüttelten verständnislos den Kopf und begannen auf mich einzureden: Sie verstanden das Problem überhaupt nicht. Die Kopftuchfrage, erklärten sie mir, gibt es in Großbritannien nicht. Man kommt z.B. in einen Bahnhof und findet hinter sieben Schaltern gleich vier kopftuchtragende Frauen. Manchmal sogar auch Männer. Welche Religion sie haben? Die Engländer zuckten mit den Achseln. Wüssten sie auch nicht. Manche sind Hindus, andere Christen, wiederum andere Muslime oder Angehörige unbekannter Sekten. Manche kommen aus Pakistan, andere aus Indien, aus dem Iran oder auch nur aus der nächsten Stadt in England selbst.  Was – fragten sie mich schließlich – gibt es darüber zu streiten? Das ist Privatangelegenheit, über deine Schuhe diskutieren wir doch auch nicht?

Ich kam ganz schön ins Stottern. Denn diese Menschen vor mir kamen ja nicht von einem anderen Stern, sondern aus Europa. Sie waren grad eben mal eine Stunde mit dem Flugzeug geflogen und schon stellen wir fest: Was für uns in Deutschland Anlass heftiger Diskussionen ist, ist in Großbritannien schlichtweg eine Frage, die niemanden interessiert.

Die ganze Geschichte hat mich nachdenklich gemacht: Wie unterschiedlich das ist, was uns z.B. am Islam ärgert oder auch fasziniert. Wie subjektiv es ist. Wäre ich in Birmingham oder London aufgewachsen, würde ich das Wort „Kopftuchfrage“ noch nie gehört haben, wogegen es hier bei uns seit Jahren für Schlagzeilen sorgt und sogar die Parlamente beschäftigt.

Die ganze Geschichte hat mich vorsichtiger gemacht. Ich merke: das Bild, das ich mir über den Islam mache, ist zuallererst die Folge meines ganz persönliches Urteils über den Islam. Es hat mit mir zu tun, mit den Informationen, die ich aufnehme und mit den Informationen, die ich nicht wahrnehmen will. Es hat zu tun mit meiner Umgebung, mit den Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, z.B. in Köln, Hattingen oder einem Dorf im Münsterland. Das Islambild der Deutschen insgesamt – so zeigen viele Studien – hat sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 deutlich verschlechtert. Gut 60% aller Darstellungen in den Medien über den Islam seien inzwischen negativ, haben  Wissenschaftler herausgefunden, nur noch 30% aller Berichte würden sich um  eine halbwegs faire Berichterstattung bemühen. Vor allem Pauschalurteile, wie z.B. Sätze wie: „Muslime unterstützen den Terror“ hätten zugenommen. Dabei geben die Forscher zu, dass es nicht ganz einfach für die Medien ist, etwas über den Islam zu vermitteln. Denn es gibt tatsächlich etliche konkurrierende Gruppen und Richtungen, allein hier in Deutschland. Sehr verwirrend für alle Seiten. - Obwohl uns das eigentlich auch von unseren christlichen Kirchen und ihren Untergruppen vertraut sein dürfte.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ – dieses Gebot von Jesus ist umfassend. Es gilt nicht nur den Mitgliedern der eigenen Gruppe. Es heißt für mich bezogen auf die Muslime hier bei uns ganz konkret: Geh mit ihnen so fair um, wie du dir selbst auch wünschst, dass mit dir umgegangen werden soll.

So erwarte ich, dass Muslime uns Deutsche, uns Christen nicht über einen Kamm scheren und uns nicht in ein- und dieselbe Schublade packen. Und ich möchte es mit ihnen auch nicht tun. Pauschale Urteile sind in jedem Fall falsch. Sind in keinem Fall fair. Genau hinzuschauen, das ist angesagt. Reden, am besten miteinander.


 

Audiobeitrag Die Kopftuchfrage


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