Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.01.07, 7.50 Uhr, Pfarrerin Antje Rösener

Trau Gott was zu!

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Manche Wörter gehen mir nicht leicht über die Lippen. Zum Beispiel sage ich ganz selten, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht:

„Ich bin glücklich.“ Obwohl…ehrlich gesagt…für mich selbst denke ich schon öfter, dass ich eigentlich…- da ist sie schon wieder diese Einschränkung mit dem kleinen Wörtchen „eigentlich“…- also, ich denke schon öfter, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Aber ich sage es eben nur selten. Auch mit den drei Wörtern: „Ich liebe dich“ bin ich sehr sparsam. Obwohl es natürlich Menschen gibt, die ich liebe, sehr sogar. Aber wenn das so ist, wieso kann ich ihnen das nicht  auch öfter sagen?

Vielleicht ist da in mir eine Scheu, diese großen Dinge wie das Glück und die Liebe festzumachen, so mitten im Alltag, wenn doch scheinbar gar nichts Auffälliges passiert ist. Kein Lottogewinn, kein Urlaub auf Hawaii, nicht mal eine Geburtstagsparty oder ein Gartenfest. Einfach nur jemand beim Einkaufen, der fragt: Wie geht es dir? Und dann komme ich damit, dass ich glücklich bin? Wer weiß, was der gerade durchmacht?

Vielleicht aber misstraue ich auch meinen eigenen Empfindungen? Ob das wirklich Liebe ist, was ich tagtäglich versuche zu leben…mit meinen Kindern, meinem Mann? Bleibe ich ihnen nicht auch viel schuldig? Gibt es nicht viele Tage, an denen wir abends müde ins Bett fallen, froh grad eben so die notwendige Arbeit geschafft zu haben? Ob das wirklich Glück ist, was ich so mitten im Alltag immer wieder mal spüre? Ist das nicht nur ein Teil vom Glück, eine halbe Portion oder allenfalls Dreiviertel?

Die religiöse Sprache unterscheidet sich von unserer Alltagssprache. Der Unterschied liegt  genau darin, dass sie aufs Ganze geht. Dass sie tollkühn ist und Worte findet für die ganzen Wünsche, die großen Dinge. Dass sie das volle Glück bei Namen nennt. Dass sie uns nicht abspeist mit kleinen Häppchen. Nehmen wir zum Beispiel den Segen. Diese Worte aus dem Alten Testament, die am Ende eines jeden Gottesdienstes allen zugesprochen werden:

Sprecher: „Gott segne und behüte dich. Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig, Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.“

Ein großer Wunsch: Segen und Schutz für mich, für dich, das Leuchten von Gott über mir, über dir, Gnade und Frieden für jeden von uns. Kein bisschen weniger. Mit weniger gibt Gott sich nicht zufrieden. Dafür steht er. Das will er für uns: Frieden. Segen. Licht. Glanz.

Dass unsere Welt, dass unser Alltag brüchig, oft auch dunkel oder schwer ist – das fühlen wir täglich. Die Momente, in denen das Glück vollkommen scheint, sind von kurzer Dauer. Dass Gott uns mehr schenken will, dass sein Licht die Dunkelheit durchbrechen will, sein Friede uns ereilen kann, wenn wir alle Hoffnung aufgegeben haben –das verspricht uns die Bibel, das hören wir in jedem Segen.

Es gibt noch mehr…flüstern uns solche Segensworte zu. Das ist noch nicht alles. Sieh hin, offne deine Augen für die Liebe. Hör nicht auf, auf das Glück zu hoffen, gib nichts und niemanden verloren. Trau Gott etwas zu.

Audiobeitrag Trau Gott was zu!


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