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Wie schön leuchtet der Morgenstern (eg 70)
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,da gibt es den Philipp Nicolai Platz in Recklinghausen, das Philipp Nicolai Haus in Herdecke an der Ruhr,
die Philipp Nicolai Gemeinde in Hagen oder die Philipp Nicolai Kantorei in Unna. Wer war dieser Mann, der gerade hier in Nordrhein Westfalen so viele Spuren hinterließ? Zwei der schönsten Lieder des evangelischen Gesangbuches stammen von ihm. Beide werden in den Wintermonaten gesungen. Zum einen das Lied Wachet auf, ruft uns die Stimme, was vorzugsweise in den dunklen Novembertagen ertönt. Die Wochen nach Weihnachten dagegen werden vom Klang des zweiten Liedes erhellt:
Wie schön leuchtet der Morgenstern, voll Gnad und Wahrheit vor dem Herrn, Die süße Wurzel Jesse! Du Sohn Davids zu Jakobs Stamm, Mein König und mein Bräutigam, hast mir mein Herz besessen, lieblich, freundlich, schön und herrlich, groß und ehrlich, reich von Gaben, hoch und sehr prächtig erhaben.
Ein inniges, sehr persönliches Lied. Hier besingt jemand die Liebe seines Lebens. Du Sohn Davids, mein König und mein Bräutigam. Preist sie mit überschwänglichen Worten: schön und herrlich, groß und ehrlich! Wen wunderts, dass dieses Lied schon hundert Jahre später eines der heiß geliebtesten Hochzeitslieder war. In einem Brief aus dem Jahre 1711 wird berichtet, dass
Brautleute in dem abergläubischen Gedanken stehen, wenn ihnen der Morgenstern nicht musiziert würde, so wären sie nicht recht kopulieret, hätten auch kein Glück und Segen in der Ehe zu erwarten.
Bei genauem Hinsehen allerdings, muss man ernüchtert feststellen: Hier geht es nicht um die Liebe zwischen Braut und Bräutigam, sondern um die des Dichters zu Jesus. Seine Herrlichkeit erstrahlt ihm wie ein Stern, ist voller Gnade und Wahrheit, voller Süße und Freundlichkeit. Philipp Nicolai schuf übrigens nicht nur den Text, sondern formte auch die Melodie. Diese behutsam auf- und dann wieder absteigenden Tonfolgen lassen den Morgenstern tatsächlich im Nu vor unserem inneren Auge aufgehen. Als die Königin der Choräle ist das Lied bezeichnet worden. Sieben Strophen umfasst es und sein vor Liebe glühender Ton verblasst nicht.
Von Gott kommt mir ein Freudenschein, wenn du mit deinem Äugelein mich freundlich tust anblicken. O Herr Jesu, mein trautes Gut, dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut mich innerlich erquicken! Nimm mich freundlich in dein Arme, das ich warme werde von Gnaden. Auf dein Wort komm ich geladen.
Wir schreiben das Jahr 1597. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich in der westfälischen Stadt Unna eine entsetzliche Nachricht: Durchreisende haben im Stadtgraben Ratten entdeckt. Tote Ratten. Die Menschen laufen auf dem Marktplatz zusammen, entsetzte Blicke, hilflose Gesten. Pfarrer Philipp Nicolai verlässt sein Haus, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Tatsächlich, der Stadtgraben voll mit toten Ratten. Jeder hier in Unna weiß, was das bedeutet. Die Pest ist im Anmarsch. Der schwarze Tod. Seit über 100 Jahren zieht er quer durch Europa. Millionen von Menschen sterben an hohem Fieber, Schüttelfrost und Erbrechen. Ein paar Wochen später schreibt Pfarrer Nicolai an seine Brüder Johannes und Jeremias:
Die Pest wütet furchtbar hier in der Stadt, täglich werden zwischen 14 und 20 Menschen beerdigt. Meinem lieben Kollegen habe ich vor ein paar Tagen die Leichenpredigt gehalten. Der Küster besucht die Kranken und ich predige. Ich bin durch Gottes Gnaden noch ganz gesund, wenn ich gleich von Häusern, die von der Pest angesteckt sind, fast umlagert bin und auf dem Kirchhof wohne. Beinahe 800 Menschen hat die Pest in dieser Stadt schon getötet.
Der lutherische Pfarrer Nicolai ist zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt. Der Tod ist ihm nichts Fremdes. Früh starb seine Mutter, mehrere Geschwister hat er mit zu Grabe getragen. Als junger Pfarrer verwickelt er sich in die Glaubenskämpfe in Europa. Katholiken, Lutheraner und Reformierte waren sich spinnefeind. Zank und Zwist, wo man auch hinschaute. Philipp Nicolai streitet mit glühendem Herzen und nicht immer nur fair für die Lehre Luthers und macht sich so manchen damit zum Feind. Für einige Monate muss er sich in Köln verstecken, wo er den Lutheranern als Hausprediger dient. Aber das alles ist nichts verglichen mit dem, was er in diesen Monaten in Unna erlebt. Ein Drittel der Bevölkerung rafft die Pest hinweg.
Abends sitzt Pfarrer Nicolai oft stundenlang an seinem Schreibtisch. Er ringt um Kraft für den nächsten Tag. Was kann er den Menschen noch predigen? Was kann sie trösten? Er hadert mit Gott. Im Schein der Kerzen entsteht eine kleine Schrift. Freudenspiegel des ewigen Lebens, heißt sie. Darin auch das Lied vom Morgenstern.
Zwingt die Saiten in Cythara / Und lasst die süße Musika / ganz freundenreich erschallen / dass ich möge mit Jesulein / dem wunderschönen Bräutgam mein / in steter Liebe wallen! Singet, springet, jubilieret, triumphieret, Dankt dem Herren! Groß ist der König der Ehren.
Der harte Alltag war für Philipp Nicolai offensichtlich nicht anders zu ertragen: Er malt sich die Liebe Gottes, die Liebe Jesu Christi in den schönsten Farben vor Augen. Singet, springet, jubilieret, triumphieret
dankt dem Herrn. Mit solchen Worten versucht Philipp Nicolai der die Pest in Unna übrigens überlebte - seine Angst vor dem Tod zu vertreiben. Gott - kein ferner Richter, keiner strenger Herr, sondern wärmend wie eine Mutter, schön und lieblich wie eine Braut, treu und ehrlich wie ein Bräutigam.
Not lehrt beten heißt es im Volksmund. Philipp Nicolai hat sich in der Not in die Bibel versenkt, in ihre Bilder über die Liebe Gottes. Er hat sie meditiert und Sprache und Töne gefunden. Er hat auf diese Weise etwas von Gottes Glanz auf die Erde gezogen. Der Gott, der bis dahin in den Lehren der Kirche, oft so streng und unerreichbar schien, der erscheint in seinen Liedern den Menschen zugewandt, wie ein Bräutigam seiner Braut.
Eine Bekannte erzählte vor kurzem, dass sie Monate nach einer schweren Operation am Strand einer Nordseeinsel ein Erlebnis hatte. Sie war ganz alleine dort, es war später Nachmittag. Auf einmal fiel die Sonne mit der vollen Kraft ihrer Strahlen auf das Meer. Es wurde hell um sie herum. Das Meer leuchtete, der Himmel auch. Eingebettet in die Liebe Gottes, habe sie sich gefühlt, sagt sie, nach diesen vielen schweren Wochen. Nichts, aber auch gar nichts habe sie in dem Moment trennen können von Gott.
Es sprach Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen über den Liedsatz "Wie schön leuchtet der Morgenstern" von Johann Hermann Schein. Es sang der Schwelmer Kammerchor unter der Leitung von Sabine Horstmann
Wie schön leuchtet der Morgenstern (eg 70)
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