Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.01.07, 5.56 Uhr, Pfarrerin Eva Zoske-Dernóczi

Beten, Klagen, Hoffen

Da liegt sie vor mir. Ihre Augen sehen so leer aus, als sei sie schon in einer anderen Welt, als habe sie die unsere schon verlassen. Sie atmet schwer.

Sie – das ist eine 70 jährige Patientin, die ich im Krankenhaus besuche und das schon seit einigen Wochen. Sie ist mir mittlerweile vertraut und ich habe sie auch  in mein Herz geschlossen. Wir sind uns einfach sympathisch, hatten viele gute Gespräche. Die Operation hat sie letzte Woche gut hinter sich gebracht. Trotzdem ist das Ergebnis niederschmetternd: Der Haupttumor konnte zwar entfernt werden, aber man hat ihn zu spät entdeckt. Metastasen haben sich bereits im ganzen Körper ausgebreitet. Das ist so schrecklich.

Ihre Familie ist groß, die Kinder und Enkel hängen an ihr. Sie alle wollen natürlich nicht wahrhaben, dass sie vielleicht bald Abschied nehmen müssen. Eine ihrer Töchter saß neulich am Bett, als ich kam. Als wir ins Gespräch kommen, weint sie plötzlich und sagt: „Es kann doch noch nicht alles aus und vorbei sein. Mir kommt es wie gestern vor, dass ich als Kind am großen Esstisch meiner Eltern saß, mit all meinen Geschwistern. All die Geschichten und Ereignisse der Kindheit, alles kommt wieder hoch. Ist so präsent.“

Ihre Mutter schaut mich an. Sie kann nicht lange mit uns reden, muss immer wieder die Augen schließen. Es strengt sie an. Sie wirkt so schwach, so kraftlos. Eigentlich sieht sie aus, als wolle sie lieber sterben, als die Tortur einer Chemotherapie mit ungewissem Ausgang über sich ergehen zu lassen. Ob sie sich doch noch dazu durchringen wird? Schwer zu sagen. Ich bin sprachlos, kann mir vorstellen, vor welch schwieriger Entscheidung sie und ihre Familie jetzt stehen.  Es spricht viel dafür, doch noch zu kämpfen, aber auch, es zu lassen.

Zu oft und zu viel hat sie schon in ihrem Leben kämpfen müssen, auch schon andere schwere Krankheiten ertragen müssen. Warum muss sie schon wieder so viel Leid erfahren? Ich sitze an ihrem Bett, halte ihre Hand und würde ihr so gerne helfen. Ich kann ihr die schwere Entscheidung nicht abnehmen, den Schmerz, das Leid. Ich kann den Kindern und Enkeln nicht die Frage beantworten, warum ausgerechnet ihre Mutter so schwer erkrankt ist. Aber was ich tun kann, ist zu Gott beten. Ich kann bildlich alles, was mich belastet, vor seine Tür legen.

Im Gebet können wir alles sagen, was uns auf dem Herzen liegt: Wir dürfen Gott anklagen, anschreien. Wir müssen kein Blatt vor den Mund nehmen und  wir müssen unser Leid auch nicht still und stumm ertragen. Orientieren können wir uns dabei an den Psalmbetern der Bibel, die vor über 2000 Jahren auch schon all das, was sie belastet hat vor Gott gebracht haben. So wie der Beter aus Psalm13, der sagt:  „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir? Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele und mich ängstigen in meinem Herzen täglich? Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott! Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist; mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst. Ich will dem Herrn singen, dass er so wohl an mir tut.“

Singen können wir Christen, Beten und Hoffen. Aber eben auch unsere Klagen vor Gott bringen. Und das empfinde ich dann in dieser Situation doch als tröstlich. Denn Gott hat gesagt: Ich bin bei Dir. Ich verlasse dich nicht.

Audiobeitrag Beten, Klagen, Hoffen


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