Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.01.07, 5.56 Uhr, Pfarrer Jost Klausmeier-Saß

Arbeit und Würde

Von meinem Großvater erbte ich eine Taschenuhr. Innen im Deckel der Uhr die Worte: „Für treue Mitarbeit“.

Die Uhr war ein Geschenk des Arbeitgebers an meinen Großvater, als der 25 Jahre in seiner Firma gearbeitet hatte. 25 Jahre – am Ende seines Arbeitslebens sollten es fast 50 Jahre geworden sein. An wechselnden Arbeitsplätzen zwar. Aber von der Lehre bis zur Rente in einem Unternehmen. Ein sicherer Arbeitsplatz.

Ich arbeite und unterrichte an einem Berufskolleg in Köln. Die meisten meiner Schüler wissen auch kurz vor dem Abschluss ihrer Lehre noch nicht einmal, ob sie in ihren Betrieben nach der Gesellenprüfung übernommen werden. Oder ob sie tatsächlich in ihrem Ausbildungsberuf eine Anstellung finden. Und etliche quälen sich mit der Angst herum, ob der augenblickliche Arbeitsmarkt überhaupt einen Platz für sie bieten wird. Was für eine Verunsicherung schon zu Beginn des Arbeitslebens!

An der Uhr meines Großvaters kann ich ablesen, wie die Zeit vergangen ist. Oder besser: wie sich die Zeiten verändert haben. Mein Großvater war Bergmann und wenn er von seiner Arbeit sprach, sprach er immer von seiner Firma. „Seine Firma“ – nicht irgendeine beliebige.Meinen Schülern heute kann ich nicht verdenken, dass ihre Identifikation mit ihrem Beruf eher gering ist. Und mit den Firmen, in denen sie arbeiten, auch. 25 Jahre in einer Firma – heute unvorstellbar für die meisten von ihnen.

Und dazu die Wertschätzung, die Würdigung, die mein Großvater erfahren hat. Wer erfährt die heute noch? Ich weiß: Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Der Arbeitsmarkt ist längst nicht mehr der zu Zeiten meines Großvaters und den Druck der so genannten Globalisierung will ich nicht unterschätzen.

Aber Sozialwissenschaftler sprechen von der heutigen jungen Generation schon als „Generation Nutzlos“. Menschen, die sich nicht gebraucht fühlen. Menschen, denen eine Teilhabe an der Arbeitswelt und den damit verbundenen Möglichkeiten verwehrt wird.
Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Ich finde, wenn Jugendliche keinen Ausbildungsplatz und anschließend keinen Arbeitsplatz finden, ist das eine gesellschaftspolitische Katastrophe. Und nicht nur das. Es ist ein Angriff auf die Menschenwürde der Betroffenen. „Arbeit“ ist nach christlichem Verständnis immer ein Teil der Würde des Menschen gewesen. Ganz gleich, ob es dabei um Lohnarbeit oder ehrenamtliche Tätigkeit ging: - dass Menschen etwas schaffen und leisten können, dass sie für ihre Arbeit Anerkennung finden können, das ist Teil ihrer Würde. In dieser Woche gibt es in den Schulen unseres Landes die Halbjahreszeugnisse. Mit diesen Zeugnissen werden sich viele Schülerinnen und Schüler um Ausbildungsplätze bewerben.

Und wenn wir nicht weiter die Würde einer ganzen Generation gefährden wollen, muss sich in diesem Jahr für die kommenden Lehrstellenbewerberinnen und –bewerber noch viel ändern. Nur ein Viertel aller Betriebe, die ausbilden könnten, hat im letzten Jahr auch ausgebildet. Viele an der Börse erfolgreiche Unternehmen haben ihre Ausbildungsplätze in der Vergangenheit reduziert. Das darf sich so in diesem Jahr nicht wiederholen.

Ich meine: Wer ausbilden könnte und es leichtfertig nicht tut, vergrößert die „Generation Nutzlos“. Verweigert jungen Menschen die Chance auf Anerkennung und einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft. Belastet unser aller Zusammenleben. Gefährdet den sozialen Frieden - im Jahr 2007 - und für die Zukunft unserer Gesellschaft, die mit den Folgen einer „Generation Nutzlos“ leben muss.

Audiobeitrag Arbeit und Würde


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