Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.01.07, 8.05 Uhr, Prof. Dr. Wilhelm Gräb

Von der Freude eines Christenmenschen

Autor: Seine Briefe beginnen und enden mit einer fast unverschämten Fröhlichkeit. Sprecher: "Freuet euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch",

Autor: ruft der Apostel Paulus der Gemeinde in Philippi zu.

Sprecher: "Und abermals sage ich: Freuet euch",

Autor: Das gibt mir zu denken, verehrte Hörerin und Hörer. Ich heiße Wilhelm Gräb und lehre Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin.

"Freuet euch!"
"Ich freue mich und ich werde mich weiterhin freuen",

"Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist." 
"Wir sind Gehilfen eurer Freude."
"Trotz aller Not bin ich von Trost erfüllt und von großer Freude..."
"Und abermals sage ich: Freuet euch"
 
Autor: Paulus freute sich über die Gemeinden in Thessalonich und Korinth, in Rom und Philippi. Und was er in seinen Gemeindebriefen im Wesentlichen sagen wollte, war eben dies, dass es eine Freude ist, ein Christ, eine Christin zu sein.

Sprecherin:  Lasst euch die Freude an eurem Christentum auch dann nicht nehmen, so schärft er immer wieder ein, wenn euch das Leben schwer wird. Haltet euch zur Gemeinde, lobt sie, auch wenn es in ihr Streit und Ärger gibt.

Autor: Paulus musste schwere Zeiten durchmachen. Krankheit, Verfolgung, Gefängnis, Anfeindungen, das alles blieb ihm nicht erspart. Und harte Auseinandersetzungen gab es auch bereits in den frühen Gemeinden wahrlich genug. Paulus schreibt ja in seinen Briefen über weite Strecken von all den Dingen, die das Leben belasten und versuchte Rat zu geben, dort wo in den Gemeinden Konflikte über Fragen des rechten Glaubens und Lebens ausgebrochen waren. Viele Gemeinden drohten sehr schnell an ihren inneren Konflikten zu zerbrechen. Noch war überhaupt nicht entschieden, ob das Christentum in der damaligen Welt mit ihren vielen populären Göttern und den philosophisch gebildeten Gottesverächtern überhaupt würde überleben können. Dennoch, das Erstaunliche ist, die Gemeindebriefe des Apostel Paulus sind durchdrungen von einer tiefen Freude über das Wachsen des Glaubens, über das Glück, zur christlichen Gemeinde zu gehören, ja, über den unwahrscheinlichen Lebensmut, der vom Evangelium ausgeht.

Sprecherin: Was hat Paulus diese positive Sicht der Dinge ermöglicht? Was hat ihn fähig gemacht hat, gerade von der Freude als dem charakteristischen Merkmal eines Christenmenschen zu reden. Er hat ja eben klar gesehen, wie viel auch in den christlichen Gemeinden im Argen lag, wie viel Streit es gab, wie viel Lieblosigkeit herrschte, wie stark in vielen, die sich haben taufen lassen, der Zweifel nagte, ob das Evangelium wirklich wahr ist, ob man die Botschaft von einem Gott, der Tote ins Leben erweckt, wirklich glauben kann, ob man auf den Gott Jesu im Leben und im Sterben wirklich sein Vertrauen setzen kann.

Was nur hat in ihm selbst diese Freude geweckt und wach gehalten? Durch das, was es aus den Gemeinden zu berichten gab, kann sie eigentlich nicht motiviert worden sein.

Gewiss, es hat eine beachtliche Zahl von Taufen in den jungen christlichen Gemeinden gegeben. Die Gemeinden sind schnell gewachsen, rein zahlenmäßig. Aber auf diese Dinge geht Paulus in seinen Briefen gerade nicht ein. Er erwähnt keine Gottesdienstbesucherzahlen, zieht keine Statistiken heran und stellt keine Prognosen über die Mitgliedschaftsentwicklung auf.

Autor: Erst einmal Umfragen und Hochrechungen anzustellen, das scheint eher unsere Methode zu sein. Aber vielleicht ist genau deshalb oft so wenig Freude in unseren Kirchen und Gemeinden, weil wir immer zuerst auf Zahlen und Statistiken starren, um dann in der Regel festzustellen, dass es bergab geht, es immer weniger werden, die dazugehören, ja, wie dann oft auch gesagt wird, immer weniger, die vom christlichen Glauben etwas zu wissen scheinen und denen er etwas für ihr Leben bedeutet. Aber vielleicht stimmt das ja gar nicht. Vielleicht liegt es an unserer falschen Methode, nach gelebtem Glauben Ausschau zu halten. Vielleicht sollten wir wieder einmal genauer hinsehen, wie Paulus das macht.

Paulus sieht das Herz an. Er setzt auf die Dinge, die von innen her wachsen, den Glauben, die Liebe, die Hoffnung. Paulus wusste, was sehr viel später auch ein Choral trefflich ausgedrückte, den man leider ins neue Evangelische Gesangbuch nicht mehr aufgenommen hat, offensichtlich weil vielen der Sinn für diese entscheidende Dimension des Glaubens verloren gegangen ist. "Es glänzet der Christen inwendiges Leben." so beginnt dieser Choral.

Paulus hat erkannt, dass sich mit dem Aufkommen des Christentums eine entscheidende Wende in der Menschheitsgeschichte vollzogen hat, die Verlagerung des Gewichts der Welt in die Tiefendimension unseres inneren Lebens, ein neues Gespür für die Bedeutung, die jedes menschliche Leben hat, die aber gerade nicht aufgeht in dem, was äußerlich von ihm sichtbar ist, nicht in dem besteht, was ein Mensch leistet und in der Welt darstellt. "Nun aber bleiben Glaube, Liebe Hoffnung, diese drei.", schreibt er im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Diese drei sind von außen nicht zu sehen. Mit ihnen und durch sie finden Menschen jedoch zu Gott, zu sich selbst und zu ihren Mitmenschen, zum eigentlichen Sinn ihres Lebens.

Sprecherin: Paulus war so sehr von der Lebensdienlichkeit des Evangeliums überzeugt, dass er das Wachsen des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung überall dort schlicht meinte voraussetzen zu können, wo das Evangelium als die Botschaft von Gottes Menschlichkeit, Liebe und Barmherzigkeit verkündigt worden ist. Das Evangelium teilt jedem Menschen mit, dass sein Leben unendlich bedeutsam ist, wertvoll, anerkannt, geliebt, für die Ewigkeit bestimmt, was es auch immer um die äußeren Umstände, Anforderungen, Gefährdungen und Krisen, um Schuld und Versagen sein mag. Das war für Paulus der Grund für die unwahrscheinliche Freude eines Christenmenschen. Sie wächst aus der Gewissheit des Glaubens, dass jeder Mensch in den Augen Gottes unendlich bedeutsam ist. Und sie äußert sich in der liebevollen Zuwendung zum Nächsten. Wie sähe die Welt aus, wenn alle Menschen sich mit Wohlwollen und Wertschätzung begegnen würden?

Autor: Im Evangelium liegt die Chance, dass dies wahr wird. Deshalb die Freude des Paulus. Und weil er dem Evangelium als Gottes Kraft wirklich etwas zugetraut hat, gibt er dieser Freude in seinen Briefen auch Ausdruck, statt allzu schnell ein Klagelied anzustimmen, wie es heute vielfach üblich geworden ist. Er lamentiert nicht über die verbreitet Gottvergessenheit, nicht über die grassierende Schwerhörigkeit gegenüber Gott. Kein Wort darüber, dass es gälte, Gott mehr Raum im persönlichen Leben zu geben, ihn gar in den wissenschaftlichen Welterklärungen zu berücksichtigen und auf sein Wort in all den verführerischen Stimmen dieser Welt endlich wieder zu hören. Paulus spricht die Christen in Thessalonich, Korinth, Philippi und Rom gerade nicht auf ihre Defizite an, noch versucht er das Christentum dadurch ins rechte Licht zu setzen, dass er es leuchtend von atheistischen Weltanschauungen oder anderen Religionen abhebt. Keine Rede auch davon, dass er auf dem Wege von Umfragen das Ausmaß von Glauben, Liebe und Hoffnung in Thessalonich geprüft hätte.

Sprecherin: Paulus wusste, dass eine solche Prüfung der Herzen zum einen gar nicht möglich und zum anderen auch nicht im Sinne des Evangeliums und der christlichen Freiheit ist. Es steht keinem Menschen zu, über den Glauben anderer Menschen zu urteilen oder das Fehlen dieses Glaubens, bzw. seine Schwäche zu beklagen. Keiner kann einem anderen ins Herz sehen, auch dann nicht, wenn er ein akademisch ausgebildeter Theologe, ein hohes Kirchenoberhaupt oder ein Religionssoziologe sein sollte. Woher weiß ich, ob andere Menschen auf Gott hören oder ob sie Gott vergessen haben? Die Versuchung liegt gewiss immer wieder nahe, die Verbundenheit eines Menschen mit Gott, somit dann auch die Stärke seines Glaubens an der Verbundenheit mit der Kirche, an der Häufigkeit des Gottesdienstbesuchs, der Spendenbereitschaft und anderen frommen Werken messen zu wollen. Letztendlich sind das aber doch äußerliche Dinge und Werke des Gesetzes, die keinen Rückschluss darauf erlauben, ob ein Mensch wirklich, d. h. in seinem Inneren, auf Gott hört, nach Gott und seinem Willen fragt und in der Nachfolge Jesu sein Leben auszurichten versucht.

Autor: Der Glaube ist eine vertrauensvolle Bewegung des Herzens zu Gott, ein Sich-Verlassen auf seine Barmherzigkeit und auf die Kraft seines sogar aus dem Tod ins Leben erweckenden Geistes. So hat es Paulus gesehen, so hat es die Reformation im 16. Jahrhundert neu deutlich gemacht. Dennoch ist auch in der evangelischen Kirche immer wieder ein geradezu lähmender Pessimismus verbreitet. Man starrt auf Hochrechnungen, die einen weiteren Rückgang der Kirchenmitglieder prognostizieren, setzt gar die sinkenden Kirchensteuereinnahmen mit einem schwindenden Interesse an Gott gleich, um anschließend sog. Impulspapiere zu verfassen, die "Leuchtfeuer" im dunklen Wald anzünden wollen und mit dem Mut der Verzweiflung zu einem "Wachsen gegen den Trend" aufrufen. Dabei können wir doch im Unterschied zum Apostel Paulus davon ausgehen, dass heute die Mehrzahl der Eltern ihre Kinder taufen lassen. Aber das ist Statistik, die für Paulus ohnehin nicht sonderlich maßgeblich war. Nein, auch wir können zur Freude eines Christenmenschen finden, wenn wir wie Paulus erkennen, dass das Evangelium von Jesus Christus die Bedeutung unseres Lebens aufschließt. Es kann ein jeder und eine jede dessen gewiss sein, auf keinen Fall vergeblich zu leben.

Sprecherin: Denn es bleiben, Glaube, Liebe und Hoffnung, diese drei, die Liebe aber ist die größte unter ihnen, schreibt Paulus. Und ist es nicht wirklich wahr, dass wir ohne diese drei, ohne Glaube, Liebe und Hoffnung gar nicht leben könnten?

Autor: Die Suche nach einem vertrauensvollen Halt, also nach Glauben, ist auch heute groß, das Verlangen nach Liebe wie die Bereitschaft anderen Gutes zu tun, sind ebenfalls da Und kaum einer mag die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge aufgeben. Es ist zwar richtig, immer mehr Menschen sprechen und verstehen die traditionelle Sprache des christlichen Glaubens nicht, haben vielleicht auch den Kontakt zur Kirche verloren. Aber sind sie deshalb schon ohne Glaube, Liebe und Hoffnung? Muss es sein, dass ihnen deshalb das Entscheidende zum Gelingen des Lebens fehlt? Ich denke nicht. Wir müssen unterscheiden zwischen dem inneren, unsichtbaren Vertrauensverhältnis zu Gott und den äußeren, sprachlichen, sichtbaren Zeichen des Glaubenausdrucks, die heute sehr unterschiedlich ausfallen können. Damit wir diese Unterscheidung, die Luther mit der zwischen dem inneren und äußeren Menschen gleichgestellt hat, gut lernen und recht handhaben, brauchen wir immer wieder auch die Theologie.

Sprecherin: Für Paulus war das Evangelium diese Botschaft von einem menschlichen Gott, der Liebe ist und Freiheit schenkt und deshalb davon abhält, Menschen auf Grund äußerer Merkmale und Taten, nach ihren Leistungen und Fehlleistungen zu beurteilen. Der Gott des Evangeliums erfüllt alle Menschen mit unwahrscheinlichem Lebensmut und gibt ihnen die Fähigkeit, zu sich stehen und für andere eintreten zu können.

Autor: Oft genug steht in mir dem Vertrauen auf Gott dennoch die Meinung entgegen, dass nichts geschieht, wenn ich die Dinge nicht selbst in die Hand nehmen. Auf Gott zu hören, wie geht das noch einmal? Schweigt er nicht beharrlich? Welche Stimme ist Gottes Stimme? Selbst wenn wir auf Jesus schauen, bleibt aber immer noch viel Verstehensarbeit, Auslegungsarbeit, theologische Arbeit. Allerdings, es ist dies eine Arbeit des Lernens, in der es um die Fundierung und den Sinn des eigenen Lebens geht. Und mit anderen zusammen, das wissen wir alle, lernt es sich viel leichter als allein.

Sprecherin: Deshalb verbindet sich für Paulus mit der Freude eines Christenmenschen immer auch das Lob der Christengemeinde - allen Problemen, die es auch dort gibt, zum Trotz. Wie mit dem Ausdruck der Freude beginnt und schließt Paulus seine Briefe jeweils mit dem Lob der Gemeinde. Und mit dem Lob der Gemeinde drückt Paulus trefflich aus, welchen Gewinn Christenmenschen daran haben, dass sie in der Lernarbeit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung nicht allein sind, sondern die anderen in der Gemeinde haben, mit denen sie sich austauschen und diese Arbeit teilen können.

Autor: Ich bin sicher, wo sich wieder stärker mitteilt, dass es eine Freude ist, Christ zu sein und eine Stärkung im Glauben, zur Gemeinde zu gehören, dort wird die Gemeinde wachsen und muss uns um die Zukunft der Kirche nicht bange sein.

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen und wahrhaft erfreulichen Sonntag. Ihr Wilhelm Gräb von der Evangelischen Kirche.

 

Audiobeitrag Von der Freude eines Christenmenschen


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